Samstag, 24. November 2007

"Eingekreist und vom Winde verweht" Grüner Kern hinter rauher Schale am 02.12.07 um 14.00Uhr

Eingekreist und vom Winde verweht
Grüner Kern hinter rauher Schale

Die Stadtteile außerhalb der Innenstadt sind für viele Bremer eine Terra Incognita, weitgehend unerforschte und nur vom hörensagen bekannte Orte. Im Fall von Woltmershausen fängt diese Unkenntnis allerdings schon in Sichtweite des Doms an. Hinter Bahnstrecke und Hochstraße eingemauert ist der Stadtteil aus dem Gesichtsfeld verbannt und verfügt nach dem Abriss des Gasometers auch nicht mehr über eine aufragende Landmarke. Noch weiter verstärkt wird die Isolation des Stadtteils durch den Ausbau des Neustädter Hafens und des Güterverkehrszentrums sowie dem Neubau der Autobahn A281.

Eingeschlossen von dieser Schale aus Verkehrswegen, Gewerbegebieten und Weser hat sich Woltmershausen den Kern seiner dörflichen Vergangenheit bewahrt. Es geht ruhig zu, es gibt Gärten und Deiche, die inmitten des Stadtteils liegen und es gibt das Weserufer, das hier noch nicht vollständig verbaut ist. Die Ruhe, die der Stadtteil ausstrahlt, korrespondiert allerdings bei jedem Schritt auch mit einem Gefühl der Abgelegenheit. Große städtebauliche Veränderungen finden auf der anderen Weserseite statt, für Woltmershausen bleibt der Logenplatz mit der besten Sicht.

Das AAA durchbricht mit seinem Urbanen Spaziergang die Isolation des Stadtteils und durchstreift einen Stadtteil zwischen Industrie, Gewerbe und Verkehrswegen.

Datum: Sonntag, 02. Dezember 2007
Startort: Neustädter Bahnhof (Eingangsbereich) in 28199 Bremen
Zeit: 14.00Uhr, Dauer ca. 1-2 Stunden

Titel u. Text: Oliver Hasemann, Foto u. Einladung: Daniel Schnier

Mittwoch, 21. November 2007

Dokumentation "move.it!!" | Oktober 2007

Am 20.Oktober 2007 veranstalteten wir mit BNC, verschiedenen Einzelpersonen und guten Freunden/innen und Kollegen/innen das Projekt move.it!!. Über 2 Stunden zogen wir zu verschiedenen Orten in der Bremer Innenstadt und hinterfragten ihre Bedeutung und ihre Nutzung im städtischen Kontext durch den künstlerischen Einsatz verschiedener Medien. Immer in Bewegung, denn move.it!! ist bewegliche Kunst im öffentlichen Raum.

Für die vielen TeilnehmerInnen an der Aktion und für alle, die nicht Zeit hatten uns zu begleiten, besteht jetzt die Möglichkeit den ganzen Abend auf http://move-it-bremen.blogspot.com/ nachzuerleben.

move.it!! wird weiterlaufen, neue Termine und Orte sind schon in Planung.

Sonntag, 4. November 2007

parCITYpate Künstlerische Interventionen und urbaner Raum

parCITYpate: Ein Symposium zu künstlerischen Interventionen im urbanen Raum. Am 02.|03. November 2007 in Hamburg. Veranstaltet von der Kampnagel Kulturfabrik und der Universität St.Gallen Künstler, Architekten, Theatermacher und Kuratoren diskutieren künstlerische Aneignungen städtischer Räume und daraus resultierende Formen der Partizipation mit Wissenschaftlern soziologischer, philosophischer, kunsttheoretischer und wirtschaftswissenschaftlicher Disziplinen sowie Studierenden und Stadtpolitikern.

AAA in Hamburg! Zu sehen HIER und im Off zu hören Oberbaudirektor von Hamburg Jörn Walter am 02.11.07 um 15:21Uhr.
Aufgezeichnet von rebell.tv

Dienstag, 23. Oktober 2007

Das AAA zu Gast in der Live-Sendung Schwankungen.de | TAGWERK 23.10.2007

Das AAA (Autonomes Architektur Atelier) LIVE am Morgen des 23.10.2007 um 7.23Uhr im Bürgerrundfunk Bremen im Rahmen der Schwankungen.de.
kulturg.u.t. e.V. und das Junge Theater Bremen produzieren in Kooperation mit der Schwankhalle und dem OK Bremen regelmäßig “Schwankungen”.

Mitwirkende
Moderation: Tim Schomacker, Christoph Backes
Gaste: Mika Schell, Thomas Pauls, Autonomes Architektur Atelier


Auf dem Weg zur Idee...

Der Tag beginnt damit, dass man ohne Licht oben auf dem Deich herumfährt. Während man noch darüber nachsinnt, dass man auch hätte herunterfallen können, mischt sich die Stimme im Kopf ein: Hey, Du könntest ganz groß rauskommen, Showtreppe, Vorhang, paillettenbesetzter Smoking... Wer spricht?

Nach einem Dialog mit der Flause, die einem plötzlich erscheint (und die man sich in der Kindheit stets aus dem Kopf hatte schlagen sollen), sprechen andere über ihre Flausen. Thomas Pauls hat sich eine Kennenlern-Wippe ausgedacht. Das Autonome Architektur Atelier Spaziergänge an Orte, um die sonst jede Stadtrundfahrt einen großen Bogen macht. Und die Flause von Mika Schell und einigen seiner Mitstreiterinnen in Zürich ist es – die Flausen selbst auf die Bühne zu lassen.

Kopfstimmenimitator und Ko-Moderator Christoph Backes lotst Flausen durch die unsicheren Gewässer des – nicht immer nur kreativen – Arbeitsalltags. Wie und warum, das erzählt er bei der Auftaktsendung der FLAUSEN-Reihe – von nun an immer am 3. Dienstag im Monat bei den Schwankungen.

Musik:
They Might Be Giants: Fingertips
Fred Frith / Iva Bittova: Morning Song
Serge Gainsbourg: Bonnie & Clyde
Skeleton Crew : Sparrow Song


Zirka 7 Minuten AAA


Einfach reinhören, wir haben es für Euch aufgenommen:
>>>>>>HIER UNSER 7-MINUTEN-GESPRÄCH<<<<<<

Und das ganze Flausen

taz, 22.10.2007

Mit Rammstein gegen das Vergessen
Ein mobiles Kunstprojekt rückt Bremens Touristen-Magneten wie Roselius Böttcherstraße in ein neues Licht

Eine seltsame Prozession war am Samstagabend in der Böttcherstraße zu beobachten: 90 Menschen, die umnebelt von Räucherstäbchen einem Lastenrad folgen, von dessen Ladefläche die aggressive Musik der Deutschrock-Band Rammstein dröhnt. Einige Passanten, die durch die Touristen-Gasse schlenderten, ergriffen sofort die Flucht, andere fragten, ob es sich um eine Fanclub-Aktion handele. Die Auflösung: Die Performance gehörte zu einem Kunst-Projekt und sollte auf den kruden Entstehungskontext der Touristenattraktion aufmerksam machen: "Roselius, der Stifter der Böttcherstraße, war nicht nur kunstbesessen, sondern auch besessen vom völkischen Weltbild, aber das wird bei ihrer Vermarktung gerne unterschlagen," hieß es zuvor in einem Vortrag.

An insgesamt acht Stationen rückten das "Autonome Architektur Atelier" zusammen mit der Medienkunstgruppe "share.bremen" zentrale Bremer Orte in eine Perspektive, die in Reiseführern meist ausgeblendet und in der Regel nur bei alternativen Stadtrundgängen sichtbar wird. Unter dem Titel "move.it!!" startete die vom Kultursenator unterstützte Tour am Wagenfeld Haus - heute bekannt als modernes Designzentrum, ursprünglich ein Gefängnis, bekannt als "Ostertorwache". Der Medienkünstler BNC, Initiator des Projekts, warf Innenansichten aus der Zeit, als hier Gestapo- und später Abschiebehäftlinge weggesperrt wurden, per Diaprojektor an die weiße Außenwand. Das öffentliche Denkmal, das auf die Vergangenheit des Gebäudes hinweist, ist vor einigen Jahren aus dem Blickfeld der Kulturmeilengänger entfernt worden und steht jetzt im vergitterten Nebenhof.

Beim Gerichtsgebäude am Domshof las Sönke Busch die "Kurze Geschichte meiner Mutter". Darin geht es um Zwangssterilisationen im NS-Regime, sowie um die Konsequenzen von Präzedenzfällen, die während dieser Zeit hier verhandelt wurden. Durch Installationen und Vorträge im Martinitunnel und an der Schlachte, wo die Touristen-Web-Cam zeitweilig umgenutzt wurde, beleuchteten danach verschiedene Künstler, wie und von wem die Stadt in Besitz genommen wird. Begleitet von Elektroklängen hallte diese Frage nach, als die dreistündige Tour gegenüber der Weserburg am Sol LeWitt-Kunstwerk endete, das demnächst dem Bauvorhaben eines Bremer Investors weichen soll. D. Ahlemeyer

22.10.2007 taz Nord Bremen Aktuell 79 Zeilen, D. Ahlemeyer S. 24
nur in taz-Teilauflage FOTO: DPA

Montag, 15. Oktober 2007

Nachbetrachtung am Freitag 19.10.2007 im Kurzschluss ab 20.00Uhr

SPROUTBAU - Ein Monat im Beton
Eine Nachbetrachtung in Wort, Bild und Musik

Am Freitag, den 19.Oktober gibt es eine Nachbereitung des SPROUTBAU im Café Kurzschluss in der Lahnstraße 16 | Ecke Langemarckstraße. Hier werden wir nicht nur viele Eindrücke aus der Zeit während des SPROUTBAUS zeigen, sondern auch auf den Vorlauf und die Idee hinter dem Projekt eingehen, als auch ein Resumée ziehen.

Die Veranstaltung wird ab ca. 20.00Uhr beginnen, im Anschluss werden dann ab ca. 23.00Uhr StraightAssBroken auflegen, d.h. nach dem Vortrag gibt es die Möglichkeit die müden Glieder gleich in Bewegung zu bringen.

Bis zum Samstagabend solltet Ihr Euch allerdings wieder erholt haben, denn um 19.00Uhr steigt move.it!!



AAA
StraightAssBroken
Kurzschluss Bremen
Gestaltung des Flyers: Michael Ziehl

Mittwoch, 26. September 2007

move.it!!


move.it!! steht für bewegliche Kunst im öffentlichen Raum. An einem Abend im Oktober zieht move.it!! nach Anbruch der Dunkelheit an verschiedene Plätze der Stadt. Alle diese Orte prägen das Leben in der Stadt. Mit Projektionen, Geschichten, Licht- oder Toninstallationen etc. interpretiert und verändert move.it!! die ursprünglichen Funktionen und Bedeutungen dieser Koordinaten städtischen Lebens temporär.

move.it!! macht deutlich, dass die Stadtgestalt immer ein Produkt gesellschaftlicher Verfasstheit ist. Die Stadtentwicklung unterliegt den Präferenzen einflussreicher Gruppen und manifestiert sich in Form gesellschaftlicher Ein- und Ausschlussverfahren im Raum.
Die Stadtplanung orientiert sich als Erfüllungsgehilfe immer mehr an den Bedürfnissen der Wirtschaft, die den Raum über seine Wertschöpfungspotentiale definiert und gestaltet.

move.it!! hinterfragt die Rolle der Architektur beim Social Engineering, der gezielten Produktion von Lebensstilen und Identitäten.
move.it!! thematisiert Imagekampagnen und Inszenierungen öffentlicher Räume, durch die der Stadtraum zwecks Generierung weicher Standortfaktoren zu einem monofunktionalen Postkartenpanorama für potente Konsumenten verkommt.

move.it!! will nicht nur Aufklärung, Belehrung oder ein leicht genießbares buntes Event sein. move.it!! lebt auch von den Beiträgen seiner TeilnehmerInnen, indem es Informationen in Aktionen übersetzt und Vorschläge macht, wie die Stadt auch aussehen könnte: Beispiele für von uns kritisierte Stadtarchitektur werden mittels verschiedener Medien inszeniert. Diese Inszenierungen greifen den jeweiligen (Zu-)Stand öffentlicher oder öffentlich zugänglicher Orte auf, verändern, verschönern oder persiflieren ihn auf Zeit. Die Bandbreite der eingesetzten Medien erstreckt sich von visuellen Effekten, der Ausnutzung vorhandener Lichtinstallationen und dem Einsatz neuerer Telekommunikationsmittel über Musik und Hörspiele bis hin zu den „natürlichen“ Klängen des Raums.

Dieses Projekt wird unterstützt durch den Bremer Senator für Kultur.

Ein Projekt von BNC in Zusammenarbeit mit dem AAA - Autonomes Architektur Atelier in Bremen und verschiedenen Einzelpersonen
Flyer: Daniel Schnier und BNC

Dienstag, 28. August 2007

BETONALE im SPROUTBAU 31. August bis 02. September 2007

Sproutbau - Das Wohnexperiment in Bremen.

Für einen Monat lang haben 79 internationale KünstlerInnen in einem der Abrisshäuser Tenevers gelebt und an der Gestaltung individueller Wohn- und Lebensutopien gearbeitet. Auf der abschließenden Betonale präsentieren sie ihre Ergebnisse des Sommers im Beton in einem dreitägigen Festival.

Kunst, Konzepte, Kommunity.

31. August bis 02. September 2007

Don`t you want to sprout?

Mehr Infos zum Projekt und zum Shuttlebus 25E, der Dich direkt zur BETONALE bringt, findest Du unter www.betonale.de

info@sproutbau.de

Come as you are,
pay what you like.

Eine Team N. Produktion 2007

Mehr Infos zum Programm in Kürze.
Flyer: Katrin Murbach und Yannick Radeke

Montag, 20. August 2007

AAA wie Arbeiten und Wohnen in Tenever

Das AAA arbeitet und wohnt seit dem 20. Juli 2007 in der Neuwieder Straße 46-52, 28325 Bremen, als Teil des Organisations-TEAM N. im SPROUTBAU. Unser neues Zuhause und erstes temporär gemeinsam genutztes Atelier bleibt bis zum 03.09.2007 bestehen, dann wird es in naher Zukunft abgerissen. Wir fühlen uns hier sehr wohl!
Foto: Daniel Schnier

Dienstag, 31. Juli 2007

WESER KURIER, 26.07.2007

Bunker in Flammen

Rundgang „Braune Soße links der Weser“ ging Überresten des Faschismus in der Neustadt nach

NEUSTADT. Wer im Stadtgebiet Spuren von Krieg und Faschismus finden will, muß ganz genau hinschauen. Die Hochbunker, ja klar, die kann man von weitem sehen, doch dich meisten Spuren finden sich im Verborgenen und werden oft einfach übersehen. Ein antifaschistischer Stadtrundgang unter dem Motto „Braune Soße links der Weser“ ging diesen Spuren kürzlich nach und brachte Unerwartetes zu Tage.

Treffpunkt war der Luftschutzbunker in der Hardenbergstraße, einer der vier Hochbunker im Stadtgebiet, die von Zwangsarbeitern des NS-Regimes gebaut wurden. 950 Menschen bot er Zuflucht, Ariern und Parteibonzen natürlich. Wer in der rassistischen Ideologie des Regimes unten stand, durfte bei einem Bombenangriff auch nicht auf Schutz im Bunker hoffen.
Heute ist eine Seite des Bunkers grün gestrichen und mit Kornähren verziert – Kunst am Bau, um die Wucht des städtebaulichen Monsters ein wenig zu mindern. „Während des Krieges waren die Wände mit Flammen und brennenden Häusern bemalt“, so Raumplaner Oliver Hasemann vom Autonomen Architektur Atelier (AAA), das den Rundgang in Zusammenarbeit mit der Initiative Kurzschluss erarbeitet hatte.

Eine Kontinuität voller Brüche also, die sich durch die Geschichte der Orte ziehen sollte, die auf dem Rundgang entdeckt wurden. So auch beim ehemaligen „Roten Haus“ gleich um die Ecke, in der die KPD ihren Sitz hatte und in dessen Keller eine Zeitung für Arbeiter gedruckt wurde. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde das Gebäude von der SA gestürmt.
Aus dem „Roten Haus“ wurde das „Gossel-Haus“, und von nun an nutzen die Nazi-Schergen den Keller für „Sondermaßnahmen“, im Klartext Folter. Heute ist das geschichtsträchtige Gebäude ein von außen recht unscheinbares Wohnhaus, doch erinnern sich die neuen Bewohner noch an die große Plakette mit einem Hakenkreuz, die beim Umbau zu Tage kam.

Beeindruckend sind die Schilderungen der Referentinnen von Kurzschluss über den Widerstand in Bremen, der erstaunlich mutig und kreativ wirkt. So wurden etwa Pakete mit linken Publikationen wasserdicht verpackt in die Weser geworfen, an anderer Stelle aufgefischt und dann verteilt. Gerne von Frauen mit Kinderwagen, denn was könnte unverfänglicher wirken? Beliebter Treffpunkt für konspirative Gruppen waren die Parzellengebiete: Getarnt zwischen Schnittlauch und Sonnenblumen formierte sich politischer Widerstand.

Am Leibnizplatz erinnert eine Tafel an die Geschichte des Ortes als Sammelstelle für Deportationen, zuerst der sogenannten „Asozialen“ – Obdachlose, Alkoholiker oder Prostituierte – später dann die Juden. Die letzten großen Transporte gingen ins KZ Theresienstadt, mit besonders vielen Kindern. Eine Information, die trotz sommerlicher Hitze für eine Gänsehaut sorgt, fällt doch der Blick von der Tafel direkt auf den Spielplatz.

Weiter geht der Weg zur Grundschule in der Kantstraße. Dort wurden, wie in vielen Schulen auch, Zwangsarbeiter untergebracht. Ganze Dörfer aus Osteuropa wurden zur Arbeit gezwungen, eine perfide Rassenhierarchie innerhalb der Zwangsarbeiterschaft aus Ost- und Westeuropa sollte eine Solidarisierung und damit möglichen Widerstand verhindern. Viele der Lager wurden übrigens nach dem Krieg als Übergangsheime für Auswanderer und Gastarbeiter weitergenutzt, Gruppen, die in der Hierarchie der neuen Republik ebenfalls ganz unten standen.

Und was früher eine bauliche Umsetzung der verschärften „Asozialenpolitik“ war, ist heute ein ruhiges Wohngebiet am Rand der Stadt. Das Areal am Wartumer Platz war als „Wohnfürsorgeanlage“ geplant, wo heute Bäume stehen, war eine freie Fläche, die von allen Seiten einsehbar war. Am Kopf der Anlage stand ein Kontrollhäuschen, wo man sich an- und abmelden musste. Eine hohe Mauer schützte vor unerwünschten Blicken, das Tor wurde nach 22 Uhr abgeschlossen. Dort sollten vermeintliche asoziale Personen auf den „rechten“ Weg gebracht, um die Betreuung der Kinder kümmerten sich ganz linientreu Hitlerjungen und BDM-Mitglieder. „Die Häuser sind nur aus Stein gebaut, den Asozialen war schließlich zuzutrauen, das Holz zum heizen zu verwenden“, so Alexander Kutsch vom AAA kritisch.

Vor der Hochschule in der Langemarck-Straße gab es einen kurzen Abriss über die Geschichte des umgestürzten Denkmals und die Diskussionen über die Umbenennung von Straßennamen und der damit eingehenden Kontiunität im Geschichtsverständnis. Oder eben auch dem Bruch der Kontiunität.

Weitere Informationen über das AAA gibt es im Internet unter www.aaa-bremen.blogspot.com

© www.weser-kurier.de | von der WESER-KURIER Mitarbeiterin Catharina Oppitz, FOTO: Walter Gerbracht

Dienstag, 17. Juli 2007

"Braune Soße links der Weser " Faschismus, Krieg, Deportation, Kontrolle Dokumentation und Resumeé vom 15.07.2007



















Resumée "Braune Soße links der Weser"

Im Schatten des Hochbunkers in der Hardenbergstraße fanden wir uns mit zirka 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu unserem antifaschistischen Spaziergang „Braune Soße links der Weser“ ein. Der von Zwangsarbeitern errichtete Schutzbau zeigte uns, dass Faschismus und Krieg auch heute noch im Stadtbild präsent und kein lästiges Pflichtfach im Schulunterricht sind. Der neue Umgang mit den Bunkeranlagen, ihre friedliche Nutzung als Lager- und Proberaum oder ihr Umbau zu Wohngebäuden, kann nicht über den ursprünglichen Schrecken hinwegtäuschen, der mit ihrer Errichtung verbunden ist.

Auf unserem Weg durch die Neustadt sind die aufragenden Bunker aber nur eine, wenn auch die auffälligste, Stätte, die sich direkt mit der Zeit der Nazi-Diktatur und des Krieges verbinden lässt. Andere Spuren der Vergangenheit verbergen sich weniger offensichtlich hinter Gebäudefassaden. Das ehemalige „Rote Haus“, lokales Zentrum der KPD mit eigener Druckerei und ein Zentrum des antifaschistischen Widerstands in der Neustadt, steht auch heute noch im Buntentorsteinweg. Nach der Machtübernahme wurde es von den Nazis gestürmt, die Druckerei zerschlagen und das Gebäude zu einem Sitz der SA in dessen Kellerräumen Gegner des Regimes gefoltert wurden.

Gerade die Kontinuität der Nutzung von Gebäuden, ähnlich der Weiterbeschäftigung von ehemaligen Nazis in Verwaltung, Justiz oder der Wirtschaft, wurde während des Spaziergangs erschreckend offensichtlich. So wurden die gleichen Barracken, in denen die Zwangsarbeiter untergebracht waren, nach dem Krieg zur Unterbringung von Gastarbeitern genutzt. Dass diese Zwangsarbeiterlager, wie im Fall der Schule in der Kantstraße, inmitten der Wohngebiete eingerichtet waren, zeigte uns auch, wie präsent die Situation der Zwangsarbeiter oder die Deportation der eigenen Nachbarn, die nachts aus ihren Wohnungen auf den heutigen Leibnizplatz getrieben wurden, im Stadtteil gewesen sein muss.

Gedenksteine, -tafeln oder Denkmäler, die an die Verbrechen der Vergangenheit erinnern, sind natürlich auch im Stadtraum aufgestellt, einige offensichtlich, wie am Leibnizplatz, andere eher versteckt. Eine subtile Erinnerung an die Verbrechen in unserer Nachbarschaft sind die Stolpersteine von Gunter Demnig, die eingelassen in den Bürgersteig auf Menschen aus unserer Mitte verweisen, die in der Nazizeit verschleppt und umgebracht wurden. Weniger subtil, denn ewiggestrig sind jene Zeitgenossen, die auch heute noch an der Langemarckstraße Kränze niederlegen, um dem in ihren Augen „ehrenvollen Opfergang der deutschen Jugend“ im ersten Weltkrieg zu gedenken, der mit dem Namen Langemarck verbunden ist. Das dieser Straßenname, der auf einen kriegstreiberischen, nationalistischen Kult zurückgeht, noch immer präsent ist, ist natürlich mehr als fragwürdig.

Die Mobilisierung der Studenten („Aus der Hochschule an die Front“) ist nur ein Aspekt der nationalistischen Ideologie, die in alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens und insbesondere der Familie eindrang. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Anlage einer „Besserungsanstalt“ durch die Nazis in Hashude 1936. In diese vollständig überwachte und kontrollierte Siedlung wurden Familien, einzelne Personen und Kinder verbracht, die nach der Familienideologie des Dritten Reichs „asozial“ waren und denen unter „Anleitung“ die „deutschen“ Familienwerte nahegelegt werden sollten. Diese zwischen Industrieanlagen und Bahnschienen versteckt gelegene und aus der Stadt separierte Siedlung, die auch wir erst nach Suche und langem Fußmarsch fanden, blieb selbst nach dem Krieg im Bremer Sprachgebrauch verankert.

Wir möchten uns bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bedanken, die mit uns zu diesem „schweren“ Thema unterwegs waren, viele Fragen gestellt und auch viel Wissen mit uns geteilt haben. Das Thema Faschismus, Krieg, Deportation und Überwachung beschränkt sich natürlich nicht auf die Neustadt, sondern kann auch in jedem anderen Stadtteil, in jeder Nachbarschaft „entdeckt“ werden. Wir würden uns natürlich freuen, Euch auch bei unseren nächsten Projekten und urbanen Spaziergängen zu begrüßen.

Text: Oliver Hasemann, Fotos: Meike Schlingmann(3), Daniel Schnier(2)

Dienstag, 3. Juli 2007

"Braune Soße links der Weser " Faschismus, Krieg, Deportation, Kontrolle am 15.07.2007 um 15.00Uhr

Braune Soße links der Weser
Faschismus, Krieg, Deportation, Kontrolle

Die Spuren von Faschismus und Krieg sind in der Neustadt nur noch auf den zweiten Blick zu sehen. Die direkten Kriegsschäden sind längst beseitigt und die augenfälligen Symbole des Naziregimes schon lange ausgetilgt. Vereinzelt ragen Luftschutzbunker aus der urbanen Szenerie hervor, und bezeugen mit ihrer stadtbildsprengenden Wucht den Irrsinn der Kriegsjahre. Die meisten Spuren sind jedoch weniger offensichtlich und werden übersehen oder sogar bewusst ausgeblendet und bieten neuen rechten Gruppen mitunter die Möglichkeit an die Vergangenheit anzuknüpfen.

Diese urbanen Chiffren zu entschlüsseln und den Alltag der Jahre von 1933 bis 1945 erfahrbar zu machen ist das Anliegen des antifaschistischen Spaziergangs durch die Neustadt, den das Autonome Architektur Atelier gemeinsam mit der Gruppe POLKA organisiert.

Aus der Perspektive der Gegenwart schauen wir auf das Vergangene und wollen den Blick auf das Zukünftige schärfen.

Datum: Sonntag, 15. Juli 2007
Startort: Vor dem Hochbunker in der Hardenbergstraße in 28201 Bremen
Zeit: 15.00Uhr, Dauer ca. 1-2 Stunden


AAA - Autonomes Architektur Atelier in Zusammenarbeit mit der Gruppe POLKA des Kurzschluss Bremen | Lahnstrasse 16 | Neustadt

Titel: Alexander Kutsch, Text: Oliver Hasemann, Flyer: Daniel Schnier

WESER KURIER, 18.06.2007

Zu Fuß auf der brandneuen Hochstraße
Rundgang "Abriss, Abflug, Abfahrt" des Autonomen Architektur Ateliers führte in die Airport-Stadt

NEUSTADT. Der Flughafen ist ein Zentrum der Mobilität, von hier aus kann man in die ganze Welt starten. Ganz gemächlich machte sich jetzt eine Gruppe auf Einladung des "Autonomen Architektur Ateliers" (AAA) auf den Weg, um das Areal rings um den Airport genauer zu erkunden. Hier tut sich einiges. Immer neue Gebäude schießen aus dem Boden. Und die Bauarbeiten für die A 281 sind noch in vollem Gang.In der bundesweiten Erhebung des Passagier-Aufkommens nimmt der Flughafen Bremen inzwischen den 15. Platz ein. Vor allem durch die Ansiedelung der Billig-Flieger-Linie Ryanair im März ist noch eine weitere Steigerung der Fluggastzahlen zu erwarten. Und dass, nachdem in den 80er Jahren noch über die Schließung des Flughafen diskutiert wurde und in den 90er Jahren der Bau eines nordwestdeutschen Zentralflughafens im Gespräch war.

"Weiter Blick vom Parkdeck"

Auch in Zeiten der globalen Kommunikation über das Internet müssen Geschäftskontakte persönlich gepflegt werden", führte Raumplaner Oliver Hasemann gerade aus, als er vom Lärm eines startenden Jets unterbrochen wurde. Die Gruppe stand auf dem Dach des Parkhauses am Flughafen, um sich einen ersten Gesamteindruck von den Ausmaßen der Airport-Stadt zu verschaffen. Auf der einen Seite streift der Blick die Landebahn; schaut man auf die andere Seite, entdeckt man in der Ferne das Weserstadion und den Dom - und davor die neue Autobahn-Schrägseilbrücke. Bis zum letzten Teilstück der A 281 sollte der AAA-Rundgang unter dem Motto "Abflug, Abriss, Abfahrt"gehen, und das in einem Gebiet, das nicht unbedingt auf die Bedürfnisse von Fußgängern ausgelegt ist.

"Rund 450 Unternehmen ansässig"

Die Geschichte des Bremer Flughafens reicht bis 1913 zurück. Der "Masterplan" von 1989 markiert den Beginn der verstärkten Firmensiedlung, die in der heutigen "Airport-Stadt" ihren Höhepunkt erlebt."Airport-Stadt" oder "Flughafen-City"? Wie heißt das neue Großareal eigentlich korrekt? "Am Anfang stand auf den Schildern noch ’Airport-City’, um internationaler zu klingen. Das Problem war dann aber wohl, dass englischsprachige Autofahrer öfters die falsche Ausfahrt genommen haben, wenn sie eigentlich in die Innenstadt wollten, dann aber am Flughafen gelandet sind", so der Architekt Daniel Schnier vom AAA. Somit sei es bei der Bezeichnung "Airport-Stadt" geblieben.

Rund 450 Unternehmen sind hier inzwischen ansässig, das Spektrum reicht von Zulieferbetrieben und Logistikunternehmen hin zu Autohäusern und kleinen Medien-Start-Up-Unternehmen."Anhand der Streckenführung der neuen Autobahn zeigt sich der Wandel in der bremischen Stadtentwicklung", erläutert der Raumplaner Alexander Kutsch den Teilnehmern. "Während die Verkehrsader Weser die Stadt entlang der Ufer entstehen ließ, führt die neue Achse der Stadt vom Technologiepark zur Airport-Stadt". Die A281 soll nach ihrer Fertigstellung die Westtangente bilden und somit den Westen der Stadt an das Autobahnnetz anbinden. In den Stadtteilen Kattenturm und Huckelriede protestieren - wie berichtet - Bürgerinitiativen gegen die Art des Ausbaus, auch das war ein Thema für die Veranstalter des Rundgangs. "Bei der ganzen Diskussion um den Bau der A 281 stellt sich letztlich die Frage, inwieweit es heutzutage noch sinnvoll ist, Güter auf der Straße zu transportieren", merkt Oliver Hasemann kritisch an.

Einen Stadtteil im Entstehen konnte die Gruppe hautnah erleben, als sie sich über die für den Verkehr zum Teil noch nicht geöffneten Straßen hin zum "Aviation Center" bewegte. Dort befindet sich die European Aeronautic Defence and Space Company, kurz EADS. "Die Ausstrahlung, die dieses Unternehmen auf das Gebiet hier haben soll, zeigt sich bereits in der Leuchtturm-Architektur des Gebäudes", so Daniel Schnier. Wo heute noch Baugerüste und halbfertige Gebäude stehen, soll bald auch die Flugschule der Lufthansa einziehen. Ein besonderer Höhepunkt des Rundganges war der Spaziergang über das geradezu jungfräuliche Teilstück der A281, auf dem noch keine Autos fahren dürfen.

© www.weser-kurier.de | von der WESER-KURIER Mitarbeiterin Catharina Oppitz, FOTOS: Meike Schlingmann

Mittwoch, 13. Juni 2007

"AAA281 - Abflug, Abriss, Abfahrt" Dokumentation und Resumeé vom 10.06.2007




Urlaubsstimmung am Abflugterminal – Hitzeblasen über dem Asphalt

Sonntagnachmittags am Abflugterminal des Airport Bremen, 50 Personen haben sich bei hochsommerlichen Temperaturen eingefunden, nicht um an die Traumstrände ferner Urlaubsziele zu reisen, sondern um mit uns auf einen urbanen Spaziergang durch die Airport Stadt zu gehen. Einen ersten Ausblick auf das Plangebiet der Airport Stadt und den Flughafen gewinnen wir vom obersten Parkdeck des Parkhauses. Aus der Vogelperspektive, und begleitet vom zänkischen Spott der im benachbarten Park beheimateten Krähen, bietet sich hier ein Blick auf die nahegelegene Baustelle, aber auch auf die Silhouette der Bremer Altstadt und in die weiten, grünen Landschaften jenseits des Airports Bremen.

Von den grünen Wiesen des ehemaligen Neuenlander Felds ist auf dem Erdboden wieder angekommen allerdings weniger zu sehen, vielmehr bietet sich uns das Bild einer ausgedehnten Sandlandschaft, die immer wieder von Baustellen durchbrochen wird. An den aufstrebenden Büro- und Gewerbebauten der wachsenden Airport Stadt führt uns der Weg in Richtung der Autobahn A281, um im Schatten ihrer Brückenbauwerke für einen Moment eine Zuflucht zu finden. In diesen Schatten entspannt sich dann auch eine spannende Diskussion über den Sinn und Unsinn dieses Bauwerks, dessen Nutzen noch lange nicht abzusehen ist, da die endgültige Fertigstellung noch weit in der Zukunft liegt.

Den Platz unter der Autobahn tauschen wir dann alsbald mit einem Platz auf der Autobahn ein. Auf dem frisch aufgetragenen Asphalt weht uns schon ein heißer Wind entgegen, aber noch können wir diesen Raum als Spaziergänger in Besitz nehmen. Bald rollen hier Lastwagen in Richtung des Güterverkehrszentrums und weiter zu den Containerhäfen in Bremerhaven oder Wilhelmshaven. Noch nutzen allerdings wir die Autobahnabfahrt als bequemen Weg, um die Autobahn wieder zu verlassen und die Schrägseilbrücke mit ihren 50 Meter hohen Stahlpylonen zu bewundern, die sich hier auf über hundert Metern Länge über Straße und Straßenbahntrasse spannt.

Unser Rückweg führte uns in den schon fertiggestellten Bereich der Airport Stadt. Zwischen den verspiegelten Backsteinfassaden stellt sich uns hier die Frage, ob dies noch Bremen ist oder schon ein Teil einer internationalen Enklave, die sich vom Airport aus ausdehnt und dem Besucher beständig das Gefühl vermittelt, den Flughafen noch nicht verlassen zu haben. Belebt ist dieses Stadtquartier, trotz einer hohen Arbeits- und Parkplatzdichte, nicht, trotz akkurater Grünflächen und freundlichen Schattens stellt sich hier keine städtische Atmosphäre ein, wir sind an diesem Sonntagnachmittag die einzigen Besucher.

Den Abschluss findet unser Urbaner Spaziergang am RyanAir-Terminal. Die Ikone der Low-Cost-Carrier fliegt seit März Bremen an und wird schon im ersten Jahr über eine Million Passagiere über Bremen transportiert haben. Eine Entwicklung, die dazu führt, das immer mehr internationale Gäste Bremen besuchen und an der Schlachte den Charme Bremer Qualitätsprodukte geniessen.

Wir danken allen Spaziergängern und Spaziergängerinnen, die trotz der hochsommerlichen Temperaturen so lange mit uns unterwegs waren und sich wie wir an der interessanten Kulisse des Spaziergangs erfreut haben. Wir würden uns sehr freuen, Euch auch bei unseren kommenden Veranstaltungen begrüßen zu können.

Text: Oliver Hasemann, Fotos: Meike Schlingmann

Samstag, 2. Juni 2007

WESER KURIER, 31.05.2007

Vorbei an Wurst und Coca-Cola
Autonomes Architektur Atelier führte durch Hemelinger Industriegeschichte

HEMELINGEN. Was heute als ein typischer Auswuchs der Globalisierung gilt, hat seinen Ursprung während des industriellen Zeitalters Mitte des 19. Jahrhunderts. Während heute in der Industrie die Produktion in Niedriglohnländer wie China verlagert wird, tat man ähnliches auch schon vor 150 Jahren in Bremen. Auf einem der urbanen Spaziergänge des Autonomen Architektur Atelier (AAA) am Sonntag ging es durch Hemelingen.

Als der heutige Bremer Stadtteil Hemelingen noch eigenständig war und zum Königreich Hannover gehörte, wurde hier vor den Toren der Stadt produziert. Das war günstig und es gab keine Schwierigkeiten etwa mit Emissionen. Die Industrieanlagen standen damals im Grünen, erst im Laufe der Jahre und durch den Bevölkerungszuwachs im Rahmen des industriellen Wachstums wucherten Wohngebiet und Industriegebiet zusammen. Welche Altlasten die intensive industrielle Nutzung im Stadtteil hinterlassen hat, wird bei einem Gründstück in Bahnhofsnähe deutlich. Bevor hier auch nur ein einziger neuer Grundstein gelegt werden kann, muss das verseuchte Erdreich gereinigt werden.

Mit dem Bau der Bahnlinie nach Hannover im Jahre 1847 wurde die Basis geschaffen für eine intensive Industrialisierung von Hemelingen, die bis vor etwa 20 Jahren anhielt. Zu dieser Zeit schlossen viele der Traditionsunternehmen, wie Nordmende oder Focke-Wulf, für den Stadtteil begann der Wandel. Seit zehn Jahren befindet sich Hemelingen im Förderungsprogramm zu Sanierung alter Industrieviertel, die Fortschritte gehen schleppend voran. Heute ist Hemelingen ein von der Infrastruktur geradezu zerrissener Stadtteil.

In der Bahnhofstraße stehen viele Ladenlokale leer, unter anderem auch die Apotheke, die um die vorige Jahrhundertwende gebaut wurde. Das Gebäude steht zum Verkauf, nach einem Investor wird gesucht. Es gibt wenige Geschäfte für die Waren des täglichen Bedarfs, die man zu Fuß erreichen kann, der Stadtteil ist immer noch geprägt von der Zeit, als die Arbeiter zu ihrem Betrieb pendelten und abends wieder nach Hause fuhren.

"Es war wohl als Motor für die Stadtsanierung gedacht, mit dem Bau des Hemelinger Tunnels anzufangen", vermutet Raumplaner Alexander Kutsch, der die Stadtspaziergänge gemeinsam mit Oliver Hasemann, der ebenfalls Raumplaner ist, und dem Architekten Daniel Schnier anbietet. Zu Fuß erlaufen die Teilnehmer der Rundgänge des AAA Stadtteile und erfahren etwas über den Wandel, den dies im Laufe der Jahre durchlaufen haben.

Und so landeten die etwa 50 Teilnehmer des Rundgangs am Sonntag auch wieder einmal an unerwarteten Orten. Denn wer Hemelingen in seiner ganzen Länge durchqueren will, steht auf einmal vor der großen Kreuzung, von der der Hemelinger Tunnel in die Tiefe abtaucht.Auf der anderen Seite der Straße gelangt man durchs Gebüsch an den Allerhafen. Als der Hafen Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, war er ein Hauptverkehrsknotenpunkt für den Transport von Kohle, Kies, Sand und Bier, das damals noch in Hemelingen gebraut wurde. Inzwischen ist der Güterverkehr auf Straße und Gleis verlagert worden, der Fluss verliert an Bedeutung. Dafür soll der Hemelinger Tunnel, der 2003 eröffnet wurde, Hemelingen vom gewaltigen Verkehrsaufkommen durch Personen- und Warenverkehr entlasten. Die beiden Großbetriebe in Hemelingen, Coca-Cola und der Wursthersteller Könecke, orientieren sich auch zur Straße hin.

Dass bei den Versuchen der Stadtsanierung in Hemelingen Autos und nicht Fußgänger im Mittelpunkt stehen, beweisen gutgemeinte Versuche am Hemelinger Bahnhof. Hier wurde die Unterführung zwar neu gestaltet, dafür fehlt auf der einen Seite die Rampe.

Von Barrierefreiheit kann keine Rede sein. "Der Stadtplaner, der das verbrochen hat, müsste hier jeden Tag stehen und die Kinderwagen hochtragen", echauffiert sich eine Teilnehmerin des Spaziergangs. Am hinteren Ende der Godehardstraße, an der auch das Bürgerhaus sitzt, sind Grundstücke für ein neues Wohngebiet ausgewiesen. Das lange geplante Zentrum KUBIKO soll das neue Herz von Hemelingen werden, ein Versuch der Revitalisierung eines Stadtteils. "Es wird hier deutlich, dass die bauliche Aufwertung, die ’Investition in Steine’ alleine nicht reicht, um den Strukturwandel herbeizuführen", meint Oliver Hasemann.

Der nächste urbane Spaziergang des AAA ist für Sonntag, 10. Juni, geplant. Unter dem Motto "AAA 281 - Abflug, Abriss, Abfahrt!" geht es durch die Airportcity. Treffpunkt um 15 Uhr ist der Terminal Abflug des Flughafens in der Flughafenallee.

© www.weser-kurier.de | von der WESER-KURIER Mitarbeiterin Catharina Oppitz, FOTOS: Petra Stubbe