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Donnerstag, 23. Oktober 2014

Der perfekte Ort / Weser Kurier 23.10.2014

Oliver Hasemann und Daniel Schnier vom Autonomen Architektur Atelier haben erneut zu einem Urbanen Spaziergang eingeladen, um über die etwas anderen Ecken Bremens zu berichten. Der Weg führte entlang der Bahnstrecke. Zwischen Lärm und Krach waren sie auf der Suche – nach so etwas wie einer Oase.

VON INA SCHULZE Schwachhausen. Abseits der historischen Denkmäler und Sehenswürdigkeiten gibt es in Bremen eine Vielzahl von Ecken, die weitestgehend unbekannt sind. Oliver Hasemann und Daniel Schnier führen regelmäßig durch diese besonderen Orte und Straßen. Am Concordia-Tunnel ist man zum Beispiel von allen Seiten von Lärm umgeben. Der Zug donnert regelmäßig vorbei, die Schwachhauser Heerstraße ist hochfrequentiert. Die Straßenbahn rollt über die Schienen.
Wie eine undurchdringliche Mauer zieht sich diese Bahnstrecke vom Hauptbahnhof durch Bremen und trennt unter anderem Schwachhausen von der Östlichen Vorstadt. Diese Mauer erweckt den Eindruck einer lärmenden und bedrohlich wirkenden Trennlinie. Der Urbane Spaziergang durch die Gete, entlang der Bahn, gibt allerdings auch eine andere Seite zu erkennen. Hier gibt es beschauliche Orte und idyllische Wohnlagen.
Oliver Hasemann und Daniel Schnier vom Autonomen Architektur Atelier (AAA) haben einen Urbanen Spaziergang zum Thema „Lärmendes Inferno inmitten der Oase? – Eine Momentaufnahme“ begleitet. Organisiert und finanziert wurde dieser Rundgang durch Energiekonsens und Bauraum Bremen.
Im Zickzack ging es durch Schwachhausen und das Gete-Viertel. Oliver Hasemann und Daniel Schnier präsentieren die Bahnstrecke weniger als Trennlinie, sondern als ein verbindendes Element, dass kleine Ruheräume im Stadtraum schafft. Während man am Concordia Tunnel kaum ein Wort versteht, liegt nur wenige Schritte weiter in der Roonstraße eine grüne und begehrte Wohnsiedlung, mit typischen Bremer Häusern. Viele Bauten sind im Originalzustand, nur an einigen Stellen musste die stuckverzierte Fassade modernisiert werden.
Die Wohnhäuser entlang der Bahnstrecke dienen quasi als Schallschutz. In der Straße ist es vergleichsweise ruhig. Die Häuser zur Bahnstrecke sind mit Schallschutzfenstern ausgestattet. Neben den Altbremer Häusern gibt es dort aber noch eine ganz andere Besonderheit. Die Fassade eines großen grauen Gebäudes lässt keinen Zweifel, dass es sich um einen echten Bunker handelt, der als Wohnraum dient. Die Wände sind mehr als ein Meter dick, und der Stahlbeton wurde von innen gedämmt. Die Rückseite ist neu angestrichen. Teilweise gibt es schaufenstergroße Fenster, die den Bunker als solchen kaum zu erkennen geben.
Auf dem Weg durch die Elsasser Straße sind ebenfalls attraktive Altbauten zu sehen. Nur ab und zu wurde zwischen die historischen Bauten ein neues Gebäude gesetzt. Nach einer Querung der Eisenbahnstrecke war ein Anwohner spontan bereit, sein umgebautes Eigenheim zu zeigen. „Im großen Gemeinschaftsgarten mit mehreren Parteien wird ersichtlich, dass die Häuser nicht mit fossilen Brennstoffen geheizt, sondern von einer Bodenwärmepumpe mit Wärme versorgt werden“, sagt Jürgen Schnier vom Autonomen Architektur Atelier.
Jürgen Schnier erklärt weiter, dass der Name des Quartiers sich von dem kleinen Bach Gete ableitet, der einst entlang der Straße floss und von dem nur noch ein kleiner Teich im Bereich des Kleingartenvereins „Im Stillen Frieden“ geblieben ist. „Als Grüne Oase bietet der Kleingartenverein nicht nur einen Punkt der Erholung für Mensch, Natur und Klima, er ist auch ein beliebter Fahrradweg in Richtung Gartenstadt Vahr oder nach Sebaldsbrück.“
Am Ausgang des Kleingartens an der Wohnanlage an der Obernkirchener Straße endet der Urbane Spaziergang schließlich. Der Blick auf die Architektur der 70er-Jahre führt die technischen und geschmacklichen Veränderungen über die vergangenen Jahrzehnte deutlich vor Augen.“

Am Sonntag, 2. November 2014, wird um 14 Uhr
erneut zu einem Urbanen Spaziergang in Hastedt eingeladen. Treffpunkt ist der Spielplatz „Klein-Mexiko“ zwischen Stader- und Bennigsenstraße. Der Spaziergang ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen gibt es online auf den Internetseiten www.bauraum-bremen.dewww.energiekonsens.de und www.aaa-bremen.de
(c) Weser Kurier, Text: Ina Schulze, Fotografien: Petra Stubbe, 2014

Montag, 31. März 2014

Weser Kurier, 30.03.2014 "Spaziergänger entdecken die Potentiale" (c) Vanessa Ranft


Spaziergänger entdecken die Potenziale

Wo einst dichter Rauch aus Schornsteinen von Industrieanlagen emporstieg, sprießt heute lichte Vegetation. Solche und andere räumliche Entwicklungen Hemelingens verdeutlichten Daniel Schnier und Oliver Hasemann vom „Autonomen Architektur Atelier“ während eines urbanen Spaziergangs über alte Dorfwege.

VON VANESSA RANFT
Hemelingen. Altindustrielle Brachen, die in der Nähe von hochmodernen Einkaufszentren liegen, und Rüstungsunternehmen mit Millionengewinnen, die neben Kirchen stehen: Hemelingen ist ein Stadtteil mit vielen Kontrasten. Dennoch ist der Stadtteil von einem historischen und dörflichen Charakter geprägt, der nicht zuletzt daran erkennbar ist, „dass die Öffnungszeiten der Einzelhändler heute noch genauso wie vor 20 Jahren sind“, weiß Oliver Hasemann.
Gemeinsam mit Daniel Schnier und rund 35 Interessierten erkundete er unter dem Motto „Neue Zinnen auf alten Schlössern – eine Zeitreise über alte Dorfwege“ den Ortsteil, stellte seinem Publikum diverse Stätten vor, erzählte deren Geschichte und erläuterte deren frühere Funktionen. Bereits vorab kündigte er den Spaziergängern an: „Wir werden eintauchen, anhalten und an etwas ruhigeren Orten vielleicht auch ein wenig verweilen. Wir werden keine Führung machen, sondern einen Spaziergang.“
Und so führte der urbane Spaziergang von der Gedenktafel für Carl F. W. Borgward, der bis zu seinem Konkurs im Jahr 1961 der größte Arbeitgeber Bremens war, unter anderem über das Mercedes-Werk, den Sitz von Atlas-Elektronik, das Areal von Rheinmetall-Defence, die St. Godehard-Kirche, das Brachland neben der Wilkens-Straße, das Kubiko, die Silberwarenmanufaktur Wilkens und das ehemalige Gelände von Wurstfabrikant Könecke.
Die Idee, urbane Spaziergänge anzubieten, kam den beiden Männern vor acht Jahren: „Wir wollten unser Wissen teilen und öffentlichen Raum für Jung und Alt erlebbar machen“, erklärt Daniel Schnier den Leitgedanken. Seitdem bieten die beiden Stadtkundler des „Autonomen Architekten Ateliers“ zwischen acht und zwölf Spaziergänge im Jahr an und durchkämmen dabei die verschiedensten Ecken in den Bremer Stadtteilen.
„Das Schöne ist, dass man auf diese Weise viele Wege geht, die man alleine nie gehen würde“, findet Yann Colonna. Besonders gut gefällt dem 25-jährigen Studenten die „witzige, kommunikative und zugleich konventionelle und unkonventionelle Art der beiden, über Räume aufzuklären“. Dass sie historische und technische Fakten unterhaltsam aufbereiten und ausschließlich zur Erläuterung nutzen, um einen Eindruck über die Evolution des Ortes zu geben, begrüßt er.
Hauptberuflich beschäftigen sich Daniel Schnier, studierter Architekt, und Oliver Hasemann, Stadt- und Raumplaner, mit dem Thema Gewerbe-Leerstände und Stadtplanung. Dabei betrachten sie Orte gezielt im Hinblick auf ihre Potenziale, ihre möglichen Nutzungen und die Bedürfnisse der Anwohner. Dieses Wissen lassen sie mit in ihre urbanen Spaziergänge einfließen und regen die Gruppe zu Diskussionen an.
Auch Hans-Peter Hölscher setzt sich über den Spaziergang hinaus mit diesen Fragen auseinander. Er ist Mitglied im Projektausschuss Stadtteilentwicklung Hemelingen und vertritt die Meinung, dass „die Areale von Coca Cola, Könecke und der Haltepunkt Föhrenstraße ideales Gelände wären, um etwas Neues zu bauen“. Und genau dies werde momentan im Nutzungsplan des Hemelinger Beirates diskutiert.
Er sehe das Problem darin, dass Industrie- und Wohngebiete sich oftmals direkt nebeneinander befänden, sei aber davon überzeugt, dass man in Hemelingen gut leben könne. Das Beispiel Überseestadt zeige in seinen Augen, wie eine Neunutzung industrieller Gebiete gelinge. Auch wenn er Hemelingens dörflichen Charme auf jeden Fall beibehalten möchte.
Und so werden wohl auch zukünftig alte Hemelinger Dorfwege mit Kopfsteinpflaster die Wege großer Schneisen kreuzen. Unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Firma „Energiekonsens“ und den „Bauraum Bremen“.
Der nächste urbane Spaziergang führt am Sonntag, 18. Mai, durch Findorff. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Torfkanalhafen. Die Teilnahme ist kostenlos.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Text und Autorin: Frau Vanessa Ranft, Fotografien: Frau Petra Stubbe, Ausgabe: SOS des Stadtteilkuriers des Weser Kurier, Seite: 2 Datum: 30.03.2014

Donnerstag, 14. November 2013

Delmenhorster Kurier, 12.11.2013 "Stadt-Spaziergängern die Augen geöffnet" © Wolfgang Bednarz, NWZ, Oldenburg


DELMENHORST Oliver Hasemann und Daniel Schnier sehen aus wie ganz normale Männer in der zweiten Hälfte ihres vierten Lebensjahrzehnts. Hasemann, glattrasiert, Brille und lichtes Haar, könnte Bank- oder Versicherungskaufmann sein. Schnier traut man mit seinem Vollbart und Mütze einen handwerklichen Beruf zu. Doch es ist alles ganz anders.
„Wir sind Künstler“, sagen sie. Seit sieben Jahren bilden der Architekt und der Stadtplaner in Bremen das „Autonome Architektur Atelier“. Zu ihren Spezialitäten gehören „Urbane Spaziergänge“. Einen solchen haben sie anlässlich der Finissage der Galerie-Ausstellung „Ina Weber. HIER“ am Sonntagnachmittag in Delmenhorst veranstaltet. An der etwas anderen Stadtführung nahmen 15 interessierte Delmenhorster und einige Auswärtige teil. Ina Webers Werk war der Leitfaden, an dem sich die zwei Stadtspaziergänger orientieren wollten. „Wir werden also nicht die klassischen Orte aufsuchen, sondern hinter die Fassaden schauen“, sagt Hasemann zur Einstimmung. Gesagt, getan.
Erster Stopp ist ein Innenhof der Berufsgenossenschaft. „Hier sehen wir eine Art japanischen Steingarten“, sagt Hasemann. Schnier weist auf die an ägyptische Architektur erinnernde terrassenartig gestaltete Fassade hin. Und auf den „Geysir-artigen Brunnen“. Die Spaziergänger amüsiert’s. Doch das ist noch nicht alles. Im Dialog werfen sich „Herr Schnier“ und „Herr Hasemann“ die Bälle zu. „Das ist der einzige Platz in Delmenhorst mit zwei Sonnen“, hören die Spaziergänger. In der Tat spiegelt sich die Sonne in einer Glasfassade wider und strahlt so von zwei Seiten.
Neben dem Lichtkontor an der Bremer Straße ist eine Brache. Die Gruppe rätselt, was hier einmal gestanden haben mag. Jetzt biegen die Spaziergänger in die Nelkenstraße ein, halten bei der Neuapostolischen Kirche. Im Schaukasten neben dem Eingang hängt ein Plakat mit der Aufforderung „Gehen Sie weiter!“. Doch man bleibt noch stehen, fragt sich, ob das streng wirkende Gebäude schon immer eine Kirche war.
Am Ende der Straße steht ein leerstehendes Fabrikgebäude, eine alte Strickerei. Was macht man mit einem solche Gebäude? Hasemann und Schnier machen darauf aufmerksam, dass solche Objekte in Bremen niemals lange leerstehen würden.
In der Grünen Straße stehen viele eigenartige Häuser. Zum Beispiel das zur Straße hin aufgeständerte Gebäude, in dem früher mal ein berufliches Förderzentrum und davor ein Bodenbelagsbetrieb untergebracht waren. Warum nur gibt es in Delmenhorst so viele ungenutzte Immobilien? Die Gruppe biegt ein in die Cramerstraße, staunt über das Gebäude mit der Amtsgerichts-Nebenstelle und dem „Hardball Café“. Gegenüber dem ehemaligen Lichtspielhaus stoppt man vor einem alten, denkmalgeschützten Haus. „Hier traut sich wohl keiner ran“, wird vermutet.
Letzter Halt ist die Bebel­straße. Freie Sicht auf den rückwärtigen Hertie-Komplex. „Vier Millionen wollen sie dafür haben“, erzählt eine Spaziergängerin.
Zurück im Haus Coburg lässt die Gruppe das Gesehene bei Kaffee und Kuchen noch einmal Revue passieren. So haben sie Delmenhorst noch nie gesehen, sind sich alle einig.
  www.aaa-bremen.de  

(c) 2013, Wolfgang Bednarz, Delmenhorster Kurier, Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft mbH Co. KG, Amtsgericht Oldenburg Nr. HRA 3586
http://www.nwzonline.de/delmenhorst/stadt-spaziergaengern-die-augen-geoeffnet_a_9,4,2100621683.html

Freitag, 16. November 2012

Weser Kurier, 29.10.2012 "Auf ungewohnten Wegen zu interessanten Ecken"


Auf ungewohnten Wegen zu interessanten Ecken

+VON SOLVEIG RIXMANN
Hastedt ·Gartenstadt Vahr. Nur wenige Autos fahren an diesem Sonntagmittag die Stresemannstraße oder die Steubenstraße entlang. An Wochentagen wird das Gebiet rund um das Stadtamt allerdings von Autos dominiert: Pkw-Verkehr, Autohäuser, Waschanlagen, Baumärkte, der ADAC in Blickweite und die Kfz-Zulassungsstelle. Dort ist der Treffpunkt für den dritten und für dieses Jahr letzten urbanen Ökostadtspaziergang unter dem Motto „Zwischen Gartenstadt und Autobiotop“.
„Wenn man irgendwo von einer Automeile sprechen will, dann hier“, sagt Oliver Hasemann vor dem Stadtamt. Das denkmalgeschützte Gebäude aus den 60er-Jahren wurde vom Bremer Architekten Gerhard Müller-Menckens gebaut, der auch für den Erweiterungsbau der Sparkasse verantwortlich zeichnet. Früher gehörte es dem Überlandwerk Nord-Hannover und ist seit der Fusion mit dem Energieversorger EWE in dessen Besitz. Die EWE vermietet an das Stadtamt. „Statt es selbst zu betreiben, wird gemietet“, sagt Oliver Hasemann und wirft die Frage auf, ob es wirklich immer sinnvoller und kostengünstiger ist, die Verwaltung und Instandhaltung von Gebäuden aus der Hand zu geben.
In diesem Bereich Bremens sind Fußgänger eher ungewöhnlich. Es werden Autos angemeldet oder mit dem Auto zum gegenüberliegenden Baumarkt gefahren und eingekauft. Das Konzept des Baumarktes scheint so starr, dass das Unternehmen nicht in das Gebäude des ehemaligen Paketzentrums einziehen konnte, sondern ganz neu bauen musste. Mit seinen 24 000 Quadratmetern ist der Baufachmarkt „6000 Quadratmeter kleiner als der Schuppen 2 – das Zentrum der Kreativen“, betont Daniel Schnier.
Hinter dem Gebäude, direkt an der Bahnstrecke gelegen, befinden sich die Mitarbeiterparkplätze eines benachbarten Telekommunikationsunternehmens. Offensichtlich werden die Parkplätze nicht mehr gebraucht, werden aber auch nicht bebaut. Durch eine Unterführung gelangt man als Fußgänger zwischen zwei Bahnstrecken. „Das wirkt jetzt natürlich – wo kein Zug fährt – extrem idyllisch“, sagt Oliver Hasemann inmitten von herbstlaubgefärbten Bäumen. Ein vorbeifahrender Zug ändert die Situation komplett und verwandelt das Gebiet offenkundig in eine Fläche, mit der man nicht alles machen kann.
Etwas verwundert gucken die Besucher beim Schausonntag des Autohauses die Gruppe Sonntagsspaziergänger an. Auch Passanten, die ihren Hund spazieren führen oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, schauen skeptisch. Stadtführungen sind in diesem Gebiet Bremens sonst nicht anzutreffen.
Die ungewohnten Orte wollen der Diplom-Ingenieur in Raumplanung, Oliver Hasemann, und der Diplom-Ingenieur in Architektur, Daniel Schnier, vom AAA (Autonomen Architekten Atelier) den Spaziergängern zeigen: die unbekannten Ecken, die Entwicklungen abseits der historischen Sehenswürdigkeiten. Normalerweise beschränken sich diese Spaziergänge auf einen Ortsteil. Ausnahmsweise führt dieses Mal der Weg von Hastedt in die Gartenstadt Vahr. Angeboten werden die urbanen Spaziergänge des AAA in Kooperation mit dem Verein Ökostadt Bremen und dem Senator für Umwelt, Bau und Verkehr.
Auch wenn eine Verquickung von Wohnen und Arbeitsstätte angestrebt wird, schließen sich bestimmte Wohn- und Arbeitsweisen einfach aus. In der Neidenburger Straße halten die urbanen Stadtführer vor einem Überbleibsel aus vergangener Zeit. Zischen Kfz-Service und Erotikversand steht eines der letzten Kaisen-Häuser Bremens. „Der Bebauungsplan für das ganze Areal ist 1970 in Kraft getreten. Davor ist das landwirtschaftlich genutzt worden“, erzählt Oliver Hasemann, während die Musik des benachbarten Fitnessstudios herüberschallt.
Die Fahrrad- und Fußweg-Verbindung zwischen Hastedt und der Vahr führt zur Beneckendorffallee. Hinter der Bahnlinie zeigt sich ein anderes Stadtbild. Keine Gewerbebebauung, sondern Wohnhäuser – das Wohngebiet der Gartenstadt Vahr. Sozialer Wohnungsbau der 1950er-Jahre, sehr original geblieben. Der in den 1850er-Jahren entwickelte Plan von Baudirektor Alexander Schröder sah entlang der Beneckendorffallee einen Verkehrsring vor, wurde aber nie verwirklicht. Heute ist dies eine ideale Fahrradverbindung.
Schlusspunkt ist das Supermarktgelände gegenüber der Galopprennbahn. „Wir fanden dieses Nebeneinander im höchsten Maße spannend“, sagt Oliver Hasemann. Kein Villenviertel, aber mittendrin die Galopprennbahn. Doch die war vor allem anderen dort – ob es auch eine Zukunft für sie gibt, entscheidet sich (wie berichtet) Anfang November.
© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Text: Solveig Rixmann, Fotografien: Petra Stubbe, Ausgabe: SOS Seite: 5 Datum: 29.10.2012

Montag, 5. November 2012

AAA in der Süddeutschen Zeitung am 02.11.2012

Hier ist der Link zum Artikel "Schätze an der Straße" von Joachim Göres vom 02.11.2012. Erschienen in der Süddeutschen Zeitung.

Fotografie: AAA, D. Schnier (c) 2008

Donnerstag, 15. März 2012

Weser Kurier, 23.02.2012: Transparenz bei Leerständen


Transparenz bei Leerständen 
AAA versteht neue Internetseite als Informationsdrehscheibe 
 
Überseestadt (wk). Das am Hansator ansässige Autonome Architektur Atelier (AAA) will mehr Transparenz bei Leerständen in Bremen schaffen. Raumplaner Oliver Hasemann und Diplom-Architekt Daniel Schnier betreiben dafür nun eine separate Internetseite, die unter der Adresse www.leerstandsmelder.de zu finden ist.
Über diese Plattform können leerstehende Gebäude oder Flächen in Bremen per Internet gemeldet, gesucht, kommentiert und diskutiert werden. Auf diese Weise will AAA dazu beitragen, dass Ideen zum konstruktiven Umgang mit Leerständen Raum bekommen können. Eine Variante für Nutzer wäre, auf dieser Seite Raum für Zwischennutzungen zu melden. Denn Menschen brauchen Räume, um ihre Bedürfnisse zu decken, um Freiräume zu schaffen, um Neues auszuprobieren. Gleichzeitig stehen Gebäude leer und verfallen ungenutzt. Dabei können Leerstände neuen Projekten der Stadtgesellschaft Raum bieten.


© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: West Seite: 1 Datum: 23.02.2012

Donnerstag, 23. Februar 2012

Bremer Anzeiger, 12.02.2012: Die verlassenen Häuser der Stadt



Von Matthias Koch
BREMEN. „Leer“ – schon mehr als 130 Mal ist dieser Hinweis auf kleinen roten Schildern an Bremer Gebäuden zu finden. Zumindest virtuell. Dafür sorgt ein neues Internetprojekt des Autonomen Architektur Ateliers, das verlassene Gebäude in Bremen auflistet.
Zu finden ist der Stadtplan der ungenutzten Gebäude auf der Internetplattform www.leerstandsmelder.de. Obwohl erst Anfang Februar gestartet, weist die Bremer Karte mittlerweile schon 132 Einträge auf – und es werden täglich mehr.
Die Idee dahinter: Wer ein leer stehendes Gebäude kennt, kann dies auf der Internetseite vermerken und ein Foto des Hauses dazustellen. Weitere
Nutzer, die Näheres wissen, können die Einträge ergänzen und kommentieren.
Geboren wurde die Idee in Hamburg von einer Initiative im einst vom Abriss bedrohten Hamburger Gängeviertel.
Heute finden sich bereits mehr als 700 verlassene Gebäude im Hamburger Leerstandsmelder.
Jetzt ist das Konzept sozusagen von der Elbe an die Weser geschwappt.
Und wozu das Ganze? „Leerstände können Möglichkeitsräume sein“, heißt es aus dem Autonomen Architektur Atelier (AAA), das die Seite für Bremen betreut. Oder etwas konkreter: Viele Kulturinitiativen und Wohnprojekte würden händeringend nach Räumen für ihre
Ideen suchen, aber oft scheitern, weil es keine entsprechenden Angebote gibt – und das, obwohl viele Gebäude ungenutzt verfallen.
Die Internetseite soll dabei vor allem für Transparenz sorgen: „Es gibt bislang kein stadtweites Leerstandskataster – diese Lücke wollen wir schließen“,
sagt Daniel Schnier vom AAA.Dabei falle auf, das manche den Satz „Eigentum verpflichtet“ offenbar wenig ernst nehmen – und ihre Immobilie verfallen lassen. Dennoch wolle man aber
nicht etwa Besitzer leer stehender Gebäude an den Pranger stellen. „Uns geht es in erster Linie darum, Diskussionen anzuregen.“
Wenn daraus dann tatsächlich neue Ideen für Zwischen- oder Nachnutzungen folgen sollten, sei das ein positiver Nebeneffekt. „Letztlich aber wollen wir vor allem ein Informationsforum bieten und zwar sowohl für Leute, die sagen ,Mensch, dass da dieses schöne Haus in meiner
Nachbarschaft leer steht, tut mir richtig weh‘, als auch für diejenigen, die nach Infos suchen“, sagt Schnier.
Warum steht das Gebäude leer? Gibt es Abriss-Gerüchte oder Pläne für eine neue Nutzung?
Auch Antworten auf derartige Fragen sollen online zusammengetragen werden.
„Im Idealfall entsteht eine Art Schwarmintelligenz, weil die Nutzer ihr Wissen vereinen.“
Erste Beispiele, dass dabei durchaus ausgewogene Informationen zusammenkommen, finden sich bereits: So erfährt man etwa bei einem Klick auf das leer stehende Leffers-Kaufhaus am Brill, dass hier ein Hotelneubau im Gespräch ist. Eine offizielle Bestätigung des Investors gebe es dafür aber noch nicht.
Was am Ende bei dem ganzen Projekt herauskommen soll? „Wir sind selbst sehr gespannt, wie sich das weiter entwickelt“, sagt Schnier.
Dass die Idee allerdings durchaus Potenzial hat, macht schon jetzt das Beispiel Hamburg deutlich: Dort beteiligen sich mittlerweile auch Hausbesitzer wie etwa die städtische Immobilienverwaltung an der Diskussion über die Zukunft leer stehender Gebäude.
(c) Bremer Anzeiger, Mathias Koch

Freitag, 16. September 2011

Weser Kurier, 15.09.2011

Walle, ganz natürlich

Von Anke Velten

Walle. Üblicherweise beschäftigen sich Architekten mit bebautem oder zu bebauendem Grund und Boden. Bei der Fahrradtour, zu der das "Autonome Architektur Atelier" am vergangenen Sonntag eingeladen hatte, ging es allerdings um Orte, die tunlichst nicht zugebaut werden sollen. Das "bunte Grün" in der Stadt wollten sich die rund dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmer einmal näher anschauen. Und dazu hatten die Organisatoren ausgerechnet nach Walle eingeladen - einem Stadtteil, mit dem Uneingeweihte nicht sofort seine Grünflächen verbinden.

Große Distanzen musste dabei niemand zurücklegen, denn die Natur liegt in Walle in Reichweite. Wenige Fahrradminuten vom Treffpunkt Bahnhof, ein kurzes Stück entlang des Grünzuges West, eine kleine Reminiszenz: Genau hier, erklärten die Reiseleiter Daniel Schnier und Oliver Hasemann, habe sich einst die Urzelle des Stadtteils befunden - das Dorf Walle, das 1139 erstmals urkundlich erwähnt wurde und das noch Anfang des 19. Jahrhunderts kaum 500 Einwohner hatte. Erkennbar sei der dörfliche Ursprung bis heute an den gewachsenen Wegzügen, die sich von den späteren schnurgeraden Planstraßen optisch unterscheiden, erklärten die Architekten.

Ein wenig abseits, hinter einer niedrigen Bahnunterführung, konnte sich die Truppe von Neugierigen dann in echtes Landleben versetzt fühlen. Am Rande der Waller Feldmark ging es durch einen schmalen Feldweg mit alten, duftenden Obstbäumen und hohen Sträuchern, zu einem Besuch in den "Internationalen Gärten Walle". Unter diesem Titel hat im April dieses Jahres ein Projekt begonnen, das sich der Völkerverständigung verschrieben hat. Auf einem Areal von fast 3000 Quadratmetern können dort Menschen verschiedenster Nationen und Kulturen ganz natürlich in Kontakt kommen, ihre Freizeit miteinander verbringen und die Früchte ihrer Arbeit ernten. Das tat am Sonntagnachmittag zum Beispiel Shahla Langroudi, die sich um ihre Auberginen und Zucchini kümmerte, Kräuter, Bohnen und Chilischoten erntete.

Bunte internationale Mischung

Rund fünfzig Vereinsmitglieder haben sich für die "Internationalen Gärten" zusammengeschlossen, erzählte Vereinsmitglied Christiane Keller, darunter Menschen aus Tunesien, Algerien, dem Iran, aus Indien, Kolumbien und Vietnam; etwa die Hälfte davon packen aktiv zu. Wer hier eine kosmopolitische Gartenschau erwartet, muss noch etwas Geduld haben: Auf dem über Jahrzehnte verwilderten Gelände gibt es für die Gärtnerinnen und Gärtner noch viel zu tun. Doch noch wichtiger als der hortikulturelle Ehrgeiz ist hier das Miteinander. Als eines der sichtbaren Symbole präsentierte Shahla Langroudi einen kleinen Pfirsichbaum namens "Hussein", der erst vor ein paar Tagen gepflanzt wurde: Er ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Gemeinschaft darüber freute, dass der Asylantrag eines ihrer Mitglieder positiv beschieden wurde, erzählt sie.

Dass Stadtmenschen sich ungenutzter Grünflächen annehmen und so selbst die Stadt mitgestalten, das ist ein Zeichen der Zeit, und eine Bewegung, die in den USA als "urban gardening" ihren Anfang nahm, wie Oliver Hasemann erklärte. Sie habe auch einen pädagogischen Mehrwert: Es sei eine Tatsache, dass immer weniger Stadtkinder aus eigener Erfahrung wissen, wie Obst und Gemüse angebaut werden. Das konnte Teilnehmer Rainer Weisel bestätigen: Er beackert eine Parzelle an der Ochtum, und in der Nachbarschaft gibt es einige ganz junge Parzellisten. "Bei Studierenden ist das wieder sehr beliebt", kann er berichten. Doch die jungen Leute müssen sich mit der Gartenarbeit erst vertraut machen: "Viele haben nie gelernt, wie man mit Saatgut umgeht oder wann sie ihre Früchte ernten müssen."

Die Stückchen Land, die die Stadtbewohner einst beackern durften, um ihre Not zu lindern, sind nicht mehr so gefragt: Gerade in der Waller Feldmark stehen viele Parzellen leer. Vor einigen Jahren war das noch ganz anders, wusste Peter Brodersen zu erzählen: "Da gab es hier viele türkische Familien, die auf den Parzellen ihre Lebensmittel anbauten, wie sie es in der Heimat gekannt und gelernt hatten." Die nachwachsende Generation an Stadtbewohnern allerdings kaufe ihr Obst und Gemüse ein. "Da geht viel Wissen verloren", sagte der Bremer.

Überhaupt keinen Anlass, seine Parzelle am Waller Fleet aufzugeben, sieht dagegen Dietmar Wedemeyer. Er lebt seit 1953 in einem "Kaisen-Haus" und darf das auch bis zum Ende seiner Tage, berichtete er der Fahrradgruppe. Was "Kaisen-Häuser" sind und wie die Stadt den Umgang mit ihren Bewohnern geregelt hat, dazu gab es vor Ort eine kleine Einführung.

Mit besonderem Interesse hörte ein junges Pärchen zu, das erst vor Kurzem aus Dresden in die Bremer Neustadt gezogen war. Die Stadtspaziergänge seien "eine tolle Art, Bremen besser kennenzulernen", fanden sie. Rainer Weisel gehört sogar zur Stammkundschaft der Veranstaltungen: Er habe ein großes Interesse an Stadtsoziologie, erklärte er, und "die beiden sind so erfrischend authentisch".

Die beiden sind die Bremer Architekten Oliver Hasemann und Daniel Schnier, die seit vier Jahren in Kooperation mit dem Verein "ÖkoStadt Bremen" dreimal pro Jahr und zu völlig unterschiedlichen Themen ihre urbanen Spaziergänge anbieten. Ihre kurzweiligen Spaziergänge ziehen nicht nur ein Fachpublikum aus Architekten und Stadtplanern an, sondern auch viele Laien mit Interesse an der Geschichte, Gegenwart und Zukunft ihrer Stadt.

Der nächste "Urbane Spaziergang" wird im Oktober an die Ochtum führen. Der genaue Termin und weitere Informationen finden sich auf den beiden Internet-Seiten www.aaa-bremen.de und www.oekostadt-bremen.de.


© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: Weser Kurier Stadtteilkurier West, Seite: 3 Datum: 15.09.2011, Bericht von Anke Velten, Fotografie von Walter Gerbracht

Mittwoch, 20. Juli 2011

Mit Stein und Blume

Autonomes Architektur Atelier zu Gast bei Radio Bremen

Gefunden haben sich der Dipl.-Ing. Raumplaner Oliver Hasemann und der Dipl.-Ing. der Architektur Daniel Schnier per Annonce. Seit fünf Jahren arbeiten sie jetzt an Bremens Stadtbild. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, würden Sie gerne tausend Bremern einen Stein geben und eine Blume. Mit dem Stein könnte man das einwerfen, was einem nicht gefällt. Und die Blume symbolisiert gleich den Neuanfang. Was Sie an Bremen reizt und welche Dinge die beiden hier gerne verändern würden, erzählen Sie in den Ansichten.

http://www.radiobremen.de/fernsehen/ansichten/ansichten1150.html


Montag, 4. April 2011

Lasst ihn endlich frei



Parkanlage, Porsche-Testbahn oder Einkaufszentrum? Ein planerisches Brainstorming zur möglichen Zukunft des meistfrequentierten Platzes in Bremen
I n t e r v i ew : H e n n i n g  B l e y l
F o t o : F r e d e r i c k  H ü t t ema n n

Einleitung: Das so genannte „Investorengrundstück“ auf dem Bahnhofsplatz, das mit 6.000 Quadratmetern das gesamte Skatergelände und noch einiges mehr umfasst, ist immer noch zu haben. Das bislang letzte Ausschreibungsverfahren, zum Festpreis von 5,9 Millionen Euro, endete im November 2010 trotz mehrfacher Verlängerung ergebnislos. Nun soll das Gelände freihändig, also ohne weitere Ausschreibung vergeben werden – allerdings „im Konsens mit den BremerInnen“, wie es der Sprecher des Bauressorts formuliert. Ende Februar wartete die Verwaltung noch immer auf ein angekündigtes Angebot eines Bieters, über dessen Identität und Pläne sie aber nichts verraten wollte. 


ZdS Seit 1994 versucht der Senat, einen Teil des Bahnhofsvorplatz’ als „Investorengrundstück“ zu verkaufen. Spricht irgend etwas dafür, dass die aktuellen Akteure, zu denen möglicherweise die Bremer Landesbank gehört, die Kuh vom Eis beziehungsweise ein Gebäude auf den Platz bekommen?

Oliver Haseman Der Bahnhofsvorplatz ist in der öffentlichen Wahrnehmung Bremens prominentester Ladenhüter. Er liegt in einer wenig nachgefragten Lage: Bahnhofsvorstädte sind auch in Städten wie Oldenburg oder Frankfurt am Main ein Problem.

ZdS Warum?

Daniel Schnier Im 19. Jahrhundert wurden die Bahnhöfe vor den Toren der Stadt gebaut. Dann sind die Städte weiter gewachsen und eine Art Transitraum mit viel Fluktuation entstand. Fluktuation nicht nur im Sinn der durchlaufenden Pendler, sondern auch in Gestalt instabiler Immobiliennutzungen. Außerdem ist der Bestand nicht mehr zeitgemäß und renovierungsbedürftig, so dass Nutzer in andere Lagen abwandern. In der Bremer Bahnhofsvorstadt haben wir eine Erhebung gemacht, bei der wir Leerstände zwischen einem Monat und mehreren Jahren festgestellt haben.

ZdS Wäre es dann sinnvoll, beispielsweise ein weiteres siebenstöckiges Gebäude samt Hotel mittenrein zu setzen?

Schnier Das ist fraglich. Das World Trade Center eine Ecke weiter ist zu höchstens 20 Prozent vermietet. Jetzt soll dort ein weiteres Hotel entstehen.

Hasemann Dann gibt es noch das Postamt 5.

ZdS Oder das Bundeswehrhochhaus, in der Daniel-von-Büren-Straße, auch nicht weit.

Schnier Die Stadt will aber Geld durch einen Verkauf des Grundstücks einnehmen. Immerhin befinden wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz im Jahr sieben der Zwischennutzung.

Hasemann Trotzdem lohnt es sich meist zu warten, bis etwas wirklich Gutes kommt. Nach langjährigem Leerstand scheint manchmal ein Punkt erreicht, wo nach vielen nicht umgesetzten Ideen endlich etwas geschehen soll. Das war auch auf dem Teerhof so, als dessen vorderes Drittel noch Parkplatz war. Der Druck wuchs durch die Offensichtlichkeit der prominenten Baulücke.

ZdS Mit einem eher mäßigen Ergebnis. Und der Bahnhofsvorplatz ist im Gegensatz zum Teerhof keine kriegsbedingte Baulücke, sondern war immer schon ein Platz. Warum kann er das nicht einfach bleiben? Eine Stadt braucht doch Raum zum Atmen!

Hasemann Eine Bebauung schließt ja nicht aus, dass der Platz zum Teil erhalten bleibt. Wenn man da etwas Gutes hinsetzt, kann das durchaus eine Verbesserung darstellen. Die bauliche Dimension dürfte angesichts der Gesamtsituation nicht zu klein sein. Es muss kein Glaskasten sein, aber auch keine bremische Lösung.

ZdS Was hieße „bremisch“?

Schnier Backstein. Im Endeffekt muss es hier immer Backstein sein. So ist es ja auch mit dem Beluga-Gebäude auf dem Teerhof gekommen –ursprünglich sollte das außen mit rostigen Eisen gekachelt werden. Im Stil eines Schiffes.

ZdS Und dann?

Schnier Dann musste „nachgebessert“ werden. Mit dem bekannten Ergebnis.

ZdS Wie müsste ein Gebäude beschaffen sein, das den Bahnhofsvorplatz aufwertet?

Schnier Es müsste eine begrünte Fassade mit Sprühnebel haben, mindestens. Aber eigentlich kann der Platz durch eine Bebauung nur verlieren.

ZdS Könnte er nicht auch „gemütlicher“ werden?
 

Hasemann Der Platz könnte durchaus gefasst werden und eine Struktur bekommen – wobei die Hochstraße diese Raumkantenfunktion im Prinzip schon erfüllt. Wenn gebaut würde, dürfte man sich in der Dimension nicht am Tivoli-Hochhaus orientieren, sondern an der jenseits der Hochstraße bereits vorhandenen Bebauung. Ein für Passanten durchlässiges Erdgeschoss wäre nicht schlecht. Vielleicht gäbe es auch ein paar Stufen oder Treppen vor dem Gebäude, auf denen man sich niederlassen kann. Da wäre ich auf die Entwürfe gespannt.

ZdS Immerhin waren schon mal hochambitionierte´Bauten wie das „Musicon“ im Gespräch. Nun ist Bremen kein prosperierendes Heide-Städtchen wie Lüneburg, das für seine Uni einen Libeskind-Bau bekommen soll. Aber könnte man nicht wenigstens fordern, dass ein neues Gebäude nicht nur als Passage teil-öffentlich ist?

Hasemann Was hieße das?

ZdS Dass es zum Beispiel eine allgemein zugängliche Terrasse gibt, die nicht gastronomisiert ist. Wo man sich also ohne Verzehrzwang aufhalten kann.

Schnier Das wäre nicht schlecht. Auf jeden Fall darf es nicht so etwas werden wie am Ziegenmarkt, wo der Chef des FC Oberneuland so einen neuen Klotz auf den Rewe-Markt setzen will. So was treibt die BremerInnen vielleicht tatsächlich mal auf die Barrikaden.

ZdS In Bezug auf den Bahnhofsvorplatz spricht die Linkspartei angesichts der „Intransparenz des Vergabeverfahrens“ von einem „Bremen 21“. Finden Sie das angemessen?

Hasemann Nein. Schließlich soll unser Bahnhof nicht abgerissen werden. Was will denn die Linkspartei?

ZdS Zukunftswerkstätten mit den Anwohnern und Anwohnerinnen.

Schnier Das sind dann die Hells Angels. Das Problem ist doch, dass dieser Platz keine wirklichen Anwohner hat.

Hasemann Ich glaube nicht, dass eine Bebauung viele Leute aufregen würde. Im Gegenteil: Die ganzen Spießbürger sind doch froh, wenn da weniger Platz für die ganzen Skater, Penner und Obdachlosen ist.

Schnier Nicht zu vergessen der Verband der forschenden Pharmaindustrie.

ZdS Sie meinen die Drogenkonsumenten?

Hasemann Nein, ich meine jetzt tatsächlich den Industrieverband, der den Platz kürzlich für eine Werbekampagne nutzte.

ZdS Wie würden Sie den Platz nutzen wollen?

Schnier Gärten! Ein Park! Ein Eiscafé! Und Seniorenspielgeräte. Man soll bei all den Skatern die Alten nicht vergessen.

ZdS Wo stoßen Zwischennutzungen an ihre Grenzen?

Hasemann Man muss sich immer fragen: Geht von der Zwischennutzung noch ein Impuls aus, oder ist es nur noch ein Kaschieren des Leerstandes? Bei lange leer stehenden Läden beispielsweise macht es keinen Sinn, ewig etwas hineinzustellen, wenn die ökonomische Substanz vor Ort einfach nicht mehr da ist.

Schnier Dann muss daraus eben eine Umnutzung werden.

Hasemann Zwischennutzungen können auch durch eine Verstetigung an ihr Ende kommen. Den Bahnhofsvorplatz sehe ich an der Grenze zur Verstetigung: Viele Leute können sich ihn ohne die aktuelle Nutzung gar nicht mehr vorstellen.

ZdS Bei Jüngeren heißt er ohnehin nur noch„Skaterplatz“.

Schnier Wenn wir Herrn Frey noch hätten [den abgetretenen Bremer Theaterintendanten mit offenkundigem Hang zum Luxus], könnte man dort auch einen Parcours für seine Porsche Cayenne einrichten.

ZdS Apropos Autos: Ein beliebtes Argument für eine Bebauung des Bahnhofsvorplatzes lautet, man könne damit die Hochstraße verdecken. Überzeugt Sie das?

Schnier Nein. Ursprünglich war der Breitenweg ohnehin eine Allee. Das könnte man jetzt eine Etage höher so ähnlich wieder einrichten, als „Green Mile“ wie etwa in New York.

ZdS Aber wenn man nicht mehr den Fly-over hinauf brettern kann, um in Richtung Oldenburg oder wenigstens Walle abzuheben, verliert Bremen doch seine einzige urbane Ecke.

Schnier Vielleicht. Aber da könnte man auch mit einem Inlet-Center auf dem Bahnhofsvorplatz gegen halten.

ZdS Was ist das?

Schnier Ein Outletcenter in der Innenstadt.

ZdS Statt auf der grünen Wiese bei Stuhr sollen da Markenprodukte als „Fabrikware“ verhökert werden?

Hasemann Das wäre doch nicht schlecht. Allerdings hört sich „Inlet-Center“ nach Zahnarzt an.

Schnier Ein Ärztehaus auf dem Bahnhofsvorplatz ist ja auch eine prima Idee.

ZdS Warum nicht gleich ein Autohaus?

Schnier Ja, Autolofts! Das ist die definitive Lösung für den Bahnhofsvorplatz.


Zur Person
Daniel Schnier (im Bild links) und Oliver Hasemann (im Bild rechts) sind die

geschäftsführenden Gesellschafter des 2006 von ihnen gegründeten „Autonomen Architektur Ateliers“.

Seit anderthalb Jahren betreiben sie mit Sarah Oßwald und Michael Ziehl auch die „ZwischenZeitZentrale“ (ZZZ). Ende März 2011 eröffnen sie in der Contrescarpe 73 die „ZZZeitmaschine“: ein offenes Büro, in dem Beispiele für funktionierende Zwischennutzungen präsentiert, aber auch Zwischennutzungen in der Bahnhofsvorstadt selbst vermittelt werden sollen.

Hasemann studierte Raumplanung an der Uni Dortmund und kommt aus Felde bei Thedinghausen – dessen im Stil der Weserrenaissance erbauten „Erbhof“ er für „krampfhaft belebt“ hält. Schnier ist Architekt und wuchs als „Diskokind“ in Bohmte auf. Die Ortschaft wurde allerdings weniger wegen der familieneigenen Diskothek „Clacoer“ bekannt, sondern wegen des ampel- und schilderlosen „Shared Space“-Verkehrskonzepts, das hier erstmals in Deutschland eingeführt wurde.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

WESER KURIER, 20.10.2010


Natur erobert die Stadt zurück
Pflanzen und Tiere siedeln sich nach und nach auf Brachflächen an

Von York Schäfer Bremen. Das strahlende Gelb hebt sich ab vom steinigen, grau-schwarzen Untergrund. Wie leuchtende Miniaturlämpchen auf verbrannter Erde wirken die Blüten der kleinen struppigen Pflanzen hier auf der Brachfläche hinter dem alten Güterbahnhof. Die ehemaligen Gleisbetten auf dem kargen Gelände mitten in der Stadt wurden mit Schottersteinen zugeschüttet, dazwischen wuchert das sogenannte schmalblättrige Greiskraut, in den 1960er Jahren eingewandert aus Südafrika. Keck und grellgelb sprießt es hervor, als wäre der Sommer nicht schon längst vorbei.

Brachflächen, auf denen sich die Natur ihren Raum langsam zurückerobert, Zwischenorte von Stadt und Land, gibt es einige in Bremen. Das Areal um den Neustädter Güterbahnhof gehört dazu oder der Industriepark in Oslebshausen. Dieser Ort hier liegt zentral in City- und Bahnhofsnähe, um die zehn Hektar dürften es sein, eingezäunt von der Hochstraße Richtung Walle, den Bahngleisen der Strecke Bremen-Oldenburg und den Türmen eines Müllentsorgungsbetriebes.
"Die Eingrenzung zwischen Straße, Bahn und Gewerbe macht das Gebiet unattraktiv für weitere Ansiedlungen. Es ist nur mit großem Aufwand erschließbar", sagt der Bremer Raumplaner Oliver Hasemann. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich im vorderen Bereich des Geländes nach langem Hickhack mit der Stadt die Bewohner eines alternativen Dorfes mit ihren Bauwagen niedergelassen haben. Hasemann kennt das Gelände gut. Im vergangenen Jahr hat der 35-Jährige mit einer Gruppe von Urbanisten hier das vierwöchige Festival "AufAuf" mit Konzerten, Lesungen und Kunstaktionen veranstaltet, um das Areal zu nutzen und bekannter zu machen.
Der Raumplaner war vor vier Jahren auch Mitbegründer des Autonomen Architektur Ateliers (AAA), das seitdem urbane Spaziergänge an eher ungewöhnliche Stadtorte jenseits von Roland, Rathaus und Weserstadion anbietet. "Es geht um das zweite Hinschauen", sagt Hasemann. Um mehr Bewusstsein für die Stadt als Lebensraum einschließlich ihrer Schmuddelecken und Schattenseiten.
Wandert man auf dem Güterbahnhofsgelände weiter, wird die Vegetation dichter, die Pioniergewächse wuchern prächtig, bis zu sechs, sieben Meter hohe Birken haben sich ausgebreitet. "Die kommen auf solchen Brachen immer zuerst", weiß die Landschaftsökologin Ute Schadek, die sich für ein Forschungsprojekt der Universität Oldenburg mit derartigen Stadtbrachen beschäftigt hat.
Das erwähnte gelb blühende Greiskraut aus Südafrika zum Beispiel hat sich über den Import von Baumwolle in die Häfen Bremens und des Ruhrgebietes und von dort entlang der Bahnstrecken verbreitet. "Die Vielfalt an Flora und Fauna auf solchen Brachflächen ist wegen der dort oft schnell wechselnden Umweltbedingungen zwischen sehr feucht und sehr trocken recht vielfältig", erklärt die Ökologin.
Ute Schadek spricht von "Rote Liste-Arten", Tieren und Pflanzen, die sehr selten vorkommen oder vom Aussterben bedroht sind - und wahrscheinlich ein rotes Tuch darstellen für jeden Gewerbeansiedlungsplaner. Zum Beispiel ein Insekt mit dem schönen Namen "Blauflügelige Ödlandschrecke", eine im Nordwesten seltene und geschützte Heuschreckenart, die sich auf dem 140 Hektar großen Areal des Bremer Industrieparks in Oslebshausen verbreitet hat. Sieben Jahre seien derartige Flächen nach der Erschließung für wirtschaftliche Zwecke geschützt, sagt Ökologin Schadek, danach könnten neue Konflikte mit Naturschützern ins Haus stehen.
Das von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) verwaltete Gewerbegebiet in Angrenzung an die Stahlwerke von Arcelor Mittal wurde seit Mitte der 1990er-Jahre für viel Geld vom Land Bremen erschlossen. Heute sind davon gerade einmal 30 Hektar verkauft.
Dabei ist die Infrastruktur für gewerbliche Ansiedlungen auf dem erschlossenen Ödland durchaus gegeben. Es gibt Straßenanschlüsse, Leitungen für Wasser, Strom und Kommunikation. "Der Großinvestor kann jederzeit vor der Tür stehen", sagt Oliver Hasemann mit leicht ironischem Unterton. Was es aber aber auch gibt, sind Rehe, Füchse, Turmfalken und Marder, vielleicht sogar Dachse an den schmalen, von hohem Schilf umwucherten Kanälen. Die Natur ist zurück. Auf dem ungleich größeren Nachbargelände der Stahlwerke ist sogar ein Jagdpächter unterwegs. Eine Begehung wollte Arcelor Mittal nicht gestatten.
Schon bei der Fahrt zum Industriepark durch dieses Niemandsland zwischen Urbanität und Naturidyll, fällt etwas abgelegen rechts der Straße das fast verwunschen in einer überwucherten Stadtwildnis liegende alte Verwaltungsgebäude von Arcelor Mittal auf. Im Mai 2007 sind die Stahlwerke als Mieter aus dem postmodernen 80er-Jahre-Gebäude ausgezogen, seitdem erobert sich die Natur auch hier mit erstaunlichem Tempo das Areal zurück. Auf dem ehemaligen Parkplatz sprießt das Unkraut zwischen den Pflastersteinen hervor, ein dichter grüner Wall umsäumt das Haus. Am Eingangsbereich türmt sich der Glasbruch, seitlich davor steht eine rostige Skulptur aus Stahl wie ein Mahnmal an vergangene Zeiten. "Als die Kunst noch schwer war", kommentiert Oliver Hasemann.
Mit verführerischem Glanz spiegelt sich das Sonnenlicht auf der Glasfassade des Gebäudes. Ein fast idyllischer Ort mit kleinen Wiesen voller Gräser, Büsche und Bäume und einem Miniatursee dahinter. Aber auch ein Ort, der durchsetzt ist vom Charme der Verlassenheit und des Verfalls wie in einer postapokalyptischen Filmkulisse. Aber aus derartiger Romantik wird wohl nichts. Ein Sprecher der Stahlwerke spekuliert, dass das Gebäude wohl abgerissen wird. Eine Sanierung sei zu teuer. Eigentlich wäre es schade drum.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: Bremer Nachrichten Seite: 10 Datum: 20.10.2010, Bericht von York Schäfer, Fotografie von Marcus Reichmann

Donnerstag, 7. Oktober 2010

WESER KURIER, 04.10.2010

Kleine, versteckte Oasen der Ruhe
Urbaner Spaziergang des Autonomen Architekten Ateliers (AAA) führt die Teilnehmer an die Landesgrenze


Von Sandra Töbe Kattenturm. Die "Zwischenstadt" - sie ist ein Ort ohne Zentrum, laut, oft unästhetisch und ständig im Wandel. Die Bedürfnisse einer mobilen Gesellschaft treffen auf die Überbleibsel einer zur Randzone verdammten Natur. Der dritte urbane Spaziergang, erneut organisiert vom Autonomen Architektur Atelier (AAA) und dem Verein Ökostadt, führt zur Landesgrenze an der Kattenturmer Heerstraße, zu funktionalen Outlets, schwindenden Nachbarschaften und zu kleinen, versteckten Oasen der Ruhe.
Treffpunkt bei strömendem Regen ist die Bushaltestelle Carl-Zeiss-Straße. Hier, direkt an der Kattenturmer Heerstraße, dem "Geräuschkanal", kann man kaum sein eigenes Wort verstehen. Der Verkehr fließt unablässig Richtung Autobahn in die Orte des Umlandes und wieder zurück nach Bremen. Die Straße ist ein Produkt der Urbanisierung, wer dort draußen wohnt, ist auf das Auto angewiesen. Darum gibt es hier zahlreiche Tankstellen, große Parkplätze und Schnellrestaurants.
Plötzlich ein einsames Einfamilienhaus, eingezwängt zwischen Durchgangsstraße, Tankstelle und den mächtigen Hallen der Outlets. "Einer der letzten Eigentümer", weiß Oliver Hasemann. "Vor ihm ist die Straße, hinter ihm das Nichts." Ein altes Tor daneben erinnert daran, dass dies mal eine Kuhweide war.
Nichts für das Auge Über asphaltierte Parkplätze führen Hasemann und sein Kollege Daniel Schnier die Gruppe, vorbei an grauen Verkaufshallen. Alles hier ist groß und weitläufig, aber nichts wurde für das Auge geschaffen. Vor einem italienischen Schnellrestaurant steht ein Olivenbaum, eingetopft und deplaziert unterstreicht diese kleine Erinnerung an italienische Lebenskunst nur die reizarme Öde des Ortes. "37 Geschäfte gibt es hier", sagt Hasemann, "16500 Quadratmeter Fläche. Bundesweit eines der größten Outlets." Wenn man durch den Flur eines der Gebäude schaut, sieht man am anderen Ende das Weideland, die "Raumkante", wie Schnier das nennt. Am Ende des Parkplatzes fällt der Boden ab, und man hat einen freien Blick auf die eingezäunten Wiesen rund um den Flughafen. Das Ende des Parkplatzes kommt abrupt, als wäre den Konstrukteuren der Asphalt ausgegangen.
Zurück geht es zur Kattenturmer Heerstraße, vorbei an den ehemaligen Parzellen neben der Ochtum. Längst sind es kleine Häuschen, die sich mit Schutzwänden und Gewächsen vom geschäftlichen Treiben der Nachbarschaft abzugrenzen suchen. "Wohnen in grauen Nischen", sagt Schnier dazu.
Über die stille Oase der Ochtum mit ihren verträumt ins Wasser reichenden Bäumen hinweg führt der Weg nach Bremen. Die Häuser hier sind ein bunter Mix aus frühen Nachkriegsbauten und nicht mehr ganz neuen Reihenhäusern. Individuell und bunt gestaltete Eingänge wechseln sich ab mit verwahrlosten Vorgärten hinter denen sich Leerstände verbergen. Opfer der Straße, die das Leben hier zum "akustischen Alptraum" macht. So jedenfalls nennt das Hasemann, und die Anwohner werden ihm Recht geben. Das Fahrverbot für Lastwagen war ein Versuch, den Lärm zu reduzieren. Inzwischen ist es wieder aufgehoben.
Nach einigen Hundert Metern endlich etwas Grün - der Wolfskuhlenweg. Durch den kleinen Park führt der Weg in die historische Siedlung, auch dies ein ehemaliges Parzellengebiet. Heute haben die Menschen unbegrenztes Wohnrecht.
Es ist ruhig hier, fast idyllisch. Wege, die zum Flanieren einladen, in den Gärten stehen Obstbäume. Dann plötzlich ein Grollen, das zum ohrenbetäubenden Lärm anschwillt - ein Flugzeug im Landeanflug. Sie fliegen bereits so tief, dass man meint, sie fast berühren zu können. Im vergangenen Jahr gab es 43000 Flugbewegungen, erzählt Hasemann. Der Flughafen ist ein Wirtschaftsfaktor. "Deshalb ist er immer noch mitten in der Stadt." Gefahr droht der Wohnsiedlung aber vor allem von anderer Seite. Die Verlängerung der A 281 soll hier durchgeführt werden. Es wäre vermutlich das Ende des kleinen Idylls, das bereits jetzt umzingelt ist von zwei Hauptverkehrsadern und dem Flughafen. Am Ende des matschigen, unebenen Weges liegt die Neuenlander Straße, das Ende des urbanen Spaziergangs. Der Verkehr ist wieder da und mit ihm die Geräuschkulisse. Kaum zu glauben, dass nur ein paar Meter zurück eine fast magische Stille herrscht. Noch.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 04.10.2010 Text: Sandra Töbe, Foto: Walter Gerbracht

Dienstag, 21. September 2010

WESER KURIER, 13.09.2010

Erinnerungen an das alte Bremen
Projekt "Schwarze Steine": Oliver Hasemann und Sönke Busch sprechen über städtebauliche Veränderungen

Von Sandra Töbe Altstadt. Das Stadtbild wandelt sich ständig. Wo früher mal der zentrale Bremer Omnibus-Bahnhof war, findet man heute eine mehr oder weniger grüne Wiese. Oliver Hasemann und Sönke Busch laden mit ihrem Projekt "Schwarze Steine" interessierte Bremerinnen und Bremer ein, sich zu erinnern - an das Bremen ihrer eigenen Vergangenheit.
Wer ein paar Jahre lang Bremen nicht besucht hat, wundert sich sehr beim Anblick des neuen Weser-Towers und der Überseestadt. Wie aber erleben die Menschen die Veränderungen ihrer Stadtteile? Woran erinnern wir uns, wenn wir an solchen Orten vorbeilaufen?
"Wir wollen an dem Punkt ansetzen, wo in den letzten drei Jahrzehnten städtebauliche Veränderungen stattgefunden haben", erläutert Sönke Busch. "Manche Veränderungen sind sehr markant, neue Sachen werden medial diskutiert. Aber wie es da vorher ausgesehen hat, weiß ganz schnell niemand mehr." Dabei geht es weniger darum, Fakten und Historie des Ortes darzustellen. Die Veranstalter werfen vor allem einen persönlichen Blick auf die Orte ihrer Erinnerung. Wie hat es dort vielleicht noch vor kurzem ausgesehen und welche persönlichen und auch gemeinschaftlichen Erlebnisse werden damit verbunden? "Unser Zugang ist nicht rein geschichtlich, sondern wir wollen auch sinnliche Eindrücke vermitteln", sagt Oliver Hasemann. Er denkt dabei an Gerüche, oder auch Geräusche, die die Erinnerung oft sehr viel stärker und anhaltender prägen als die visuelle Wahrnehmung. Begleitet werden die Eindrücke durch eine Lesung vor Ort.
Beispiel Bundeswehrhochhaus Was ist und war charakteristisch? Wie verändern sich die Orte in der Wahrnehmung, auch auf sprachlicher Ebene? Das Bundeswehrhochhaus beispielsweise, das keines mehr ist, und die Erdbeerbrücke, die auf den ersten Blick so gar nichts mit der beliebten Sommerfrucht gemeinsam hat. "Uns interessieren die alltäglichen Orte, an denen man einfach so vorbeiläuft", sagt Busch.
Das Projekt "Schwarze Steine" läuft im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Heimat" der Arbeitnehmerkammer Bremen und mit Unterstützung des Autonomen Architektur Ateliers (AAA). "Heimat", ein Begriff, der allzu schnell Assoziationen von ländlicher Idylle und Volksmusik weckt. Aber was bedeutet Heimat heutzutage in unserer mobilen, schnelllebigen Welt? Für Sönke Busch ist das auch eine persönliche Frage.
"Ich bin gebürtiger Bremer, aber ich war eine Zeitlang nicht hier. Und da hab ich mich schon gefragt, warum bist du nach Bremen zurückgekommen?" Der studierte Filmregisseur, der heute als freier Künstler und Literat arbeitet, hat sich die Frage selbst beantwortet. "Die Mikrokosmen sind interessanter für mich. Die kleinen Geschichten, die man hier beobachten kann, die kleinen Orte abseits der Öffentlichkeit." Heimat definiert als Ort ist "nicht mehr so statisch wie früher", meint er. "Der Ort verändert sich und ich verändere mich mit ihm." Die schwarzen Steine, welche Hasemann und Busch ab Donnerstag, 16. September, an zehn aufeinander folgenden Tagen im Stadtgebiet aufgestellt haben, stehen somit auch stellvertretend für die "schwarzen Flecken" unserer Erinnerung, die fehlbare Wahrnehmung, der uns umgebenden Orte. Interessierte sind eingeladen, sich auf die Suche zu machen und eigene Erinnerungen zu teilen.


Das Projekt wurde von Oliver Hasemann und Sönke Busch gemeinsam entwickelt. Hasemann ist Gründungsmitglied des 2006 gegründeten Autonomen Architektur Ateliers, das in regelmäßigen Abständen Spaziergänge durch Bremer Ortsteile anbietet, meist mit inhaltlichen Schwerpunkten.

Programm ab Donnerstag, den 16.09.2010 "Schwarze Steine" können besucht werden: Donnerstag, 16. September, am Bahnhofsvorplatz, Freitag, 17. September, am Lucie-Flechtmann-Platz, Sonnabend, 18. September, auf dem Teerhof, Sonntag, 19. September, am Weserstadion/Osterdeich, Montag, 20. September, an der Erdbeerbrücke, Dienstag, 21. September, an der Julius-Brecht-Allee/Ecke Beneckendorffallee, Mittwoch, 22. September, im Überseehafen, Donnerstag, 23. September, am Bundeswehrhochhaus, und Freitag, 24. September, auf dem Domshof, an den genannten Tagen ab 16 Uhr. Es folgt am Sonnabend, 25. September, eine Schnitzeljagd.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 13.09.2010

Freitag, 13. August 2010

WESER KURIER, 12.08.2010

Im Schatten der Verkehrsadern
Ökostadtspaziergang in der Neustadt führte entlang der Hochstrasse und Bahnstrecke

Neustadt·Woltmershausen. Mit Neugier durch Niemandsland, auf verschlungenen Wegen durch trennendes Gebiet: Der erste „Urbane Ökostadtspaziergang“ des Jahres führte entlang der Hochstraße und Bahnstrecke zwischen Stephanibrücke und Autobahn-Abfahrt Neustadt. Oliver Hasemann und Daniel Schnier vom „Autonomen Architektur Atelier“ nahmen rund 70 Interessierte mit auf eine „Expedition in eine Zwischenwelt“, so die Einladung. Im Mittelpunkt dieser Tour: der Neustadtsgüterbahnhof.

Seinen Anfang nahm der Spaziergang jedoch am Bahnhof Neustadt, Haltestelle für Personenzüge von und nach Bremen, Delmenhorst, Oldenburg, Osnabrück. Wie die folgenden Ziele wirkte das Bahnhofsgebäude öde und ließ an den Buchtitel „Bonjour tristesse“ denken. Hasemann nannte den Bau „eine leere Hülle“, wies aber auch auf die Teilnutzung durch einen Weinhändler hin. Dass der Bereich der Deutschen Bahn derart sich selbst überlassen ist, dürfte seinen Grund in der Zahl der hier an- und abreisenden Fahrgäste haben: Nirgends in Bremen verkehren weniger, heißt es von Behördenseite. Mit Blick auf kleine Stationen wie St. Magnus in Bremen-Nord bemerkenswert.

Passend zum Veranstaltungstitel „Zwischen Grün und Zwischen Nutzung“ ging es weiter zum Hohentorspark und zum verfallenden Güldenhausquartier, wo sich unter anderem ein Paintball-Anbieter niedergelassen hat. Dann der Güterbahnhof, laut Hasemann und Schnier ein 90000 Quadratmeter großer „Schlauch, Raumkeil, Sperrgürtel“ zwischen der Neustadt und Woltmershausen.

Züge fahren hier schon lange nicht mehr, die Bahn hat die Schienen aus dem Gleisbett gerissen. Geblieben sind die Schuppen, die durch Gewerbetreibende und zum weit geringeren Teil durch Künstler wie den Bildhauer Herwig Kemmerich genutzt werden.

Hasemanns und Schniers Ankündigung, „es wird gleich abenteuerlich“, war begründet.

Die mehrheitlich zwischen 25 und 35 Jahre alten Teilnehmer der Führung mussten sich ihren Weg unter Lkw-Aufliegern hindurch, über Deichseln hinweg und quer durch dorniges Gestrüpp bahnen. Die Fläche, das wurde schnell deutlich, ist noch immer unter Wert genutzt, obwohl die Baubehörde bereits 2003 im Stadtteilkonzept Woltmershausen vermerkt hatte: „Eine Neuordnung und Entwicklung des Geländes zu einem Dienstleistungsstandort ist in die Wege geleitet.“

Stellflächen für Güterzüge?

Nun ist eine andere als vom Bauressort angedachte Nutzung denkbar – und würde zurück zu den Ursprüngen führen. Denn nach denWorten von Ortsamtsleiter Klaus-Peter Fischer, der ebenfalls unter den Spaziergängern auszumachen war, könnten bei Fertigstellung des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven zusätzliche Stellflächen für Güterzüge erforderlich sein. Neu verlegte Gleise in der Neustadt als Warteposition für Schienentransporte. Um Letztere durch den Flaschenhals Hauptbahnhof zu schicken, wenn sich dort Durchfahrtsmöglichkeiten ergeben.

Hinsichtlich der Zukunft des Bahnhofs Neustadt erklärte Fischer, er habe unterschiedliche Signale erhalten. Es existierten Überlegungen, die Haltestelle zugunsten einer Station in Huchting oder in der Überseestadt aufzugeben. Andererseits höre er aus der Baubehörde, dass Investitionsmittel bereitstünden. Dies sei im Sinne des Stadtteils. „Wir wünschen uns ja mehr Züge“, so Fischer. Der Wunsch nach einer dauerhaften Nutzung des Güldenhausquartiers, einst Sitz einer Schnapsbrennerei, dürfte wohl einfacher zu erfüllen sein. Immerhin will sich die Hochschule erweitern und hat das Quartier ins Auge gefasst. „Ich bin zuversichtlich“, sagte Fischer, befragt nach den Realisierungschancen. In diesem Zuge ließe sich die Aufenthaltsqualität im historischen Hohentorspark – mit Senkgarten und Blumenrabatten im Stil der 1950er- Jahre – erhöhen. Hasemann und Schnier gelang es jedenfalls, eine weitgehend unbekannte Nachbarschaft näherzubringen. Im Schatten der Hochstraße, die Hasemann als „Stadtmauer des 21. Jahrhunderts“ bezeichnete, führte das Duo an vernachlässigte und doch interessante Plätze. War auch die Vortragsweise mit unter chaotisch, machte die rund zweieinhalbstündige Tour durchaus Lust auf die nächsten Ökostadtspaziergänge: Am Sonntag, 5. September, geht es um das Thema „Saubere Energien“ (Treffpunkt: Fanshop am Weserstadion); am Sonntag, 26. September, um Verkehr und Wohnen entlang der Kattenturmer Heerstraße (Treffpunkt: Bushaltestelle Carl-Zeiss-Straße in Stuhr). Der Beginn ist jeweils um 14 Uhr.

Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.aaa-bremen.de und www.oekostadt-bremen.de.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 12.08.2010 Text von Mario Assmann freier Mitarbeiter der Bremer Tageszeitungen AG, Foto: Roland Scheitz

Freitag, 28. Mai 2010

Bremer Anzeiger, 23.05.2010

© Copyright Bremer Anzeiger, Datum: 23.05.2010

Mittwoch, 18. November 2009

WESER KURIER, 16.11.2009

Spaziergang durch eine "tote Stadt"
Autonome Architekten erkunden ehemalige und aktuelle Bauplätze in der Neustadt


Von Christian Meyer
Alte Neustadt. Der Matsch stört niemanden. Viel zu interessant und aufregend ist nämlich der Grund für die schmutzigen Schuhe: Mitglieder und Gäste des Autonomen Architektur Ateliers (AAA) betreten beim "urbanen Stadtspaziergang" unter anderem das Baugrundstück rund um die Umgedrehte Kommode.
Die Route, die sich Daniel Schnier und sein Kollege Oliver Hasemann vom AAA diesmal für die rund 100 Teilnehmer ausgedacht haben, führt über den Teerhof und das Franziuseck schnurstracks zur Umgedrehten Kommode an der Werderstraße. Etwa drei- bis viermal im Jahr veranstaltet das AAA einen sogenannten urbanen Stadtspaziergang. Dabei sollen besondere Orte eines Stadtteils vorgestellt werden, die außerdem exemplarisch für die Entwicklung eines Quartiers stehen.
Das Bauprojekt in der Werderstraße, dort sollen in den kommenden Jahren etwa 300 Wohneinheiten entstehen, ist bei vielen Bremern umstritten. Genau wie das Vorhaben am Franziuseck. Hier sind drei Gebäude geplant (wir berichteten). So beteiligten sich am Spaziergang der Architekten auch viele Mitglieder der Bürgerinitiativen, die sich gegen die Bauvorhaben oder deren Folgen wehren.
Erste Station des Spaziergangs ist der Teerhof, "die tote Stadt", wie sie Daniel Schnier nennt. "Bis zum Anfang der 90er- Jahre war das hier noch eine Fläche zum Parken", erklärt Hasemann. Um die Stadt, vor allem die Innenstadt zu beleben, wurden Wohnhäuser auf dem Areal gebaut. Und um die Fläche, die zwischen zwei Weserarmen eingeklemmt ist, an das Schlachte-Ufer anzuschließen, wurde dann 1993 die Teerhofbrücke gebaut.
"Die ist ein sehr teurer Witz", erläutert Architekt Hasemann. Erst sei sie zu niedrig geplant worden, woraufhin die Brücke wegen des Schiffverkehrs höher gelegt werden musste. Und heute werde die Brücke sehr wenig genutzt, stellt Schnier fest. Das liege wahrscheinlich daran, dass sich der Hauptverkehr auf den zwei Brücken, zwischen die der Teerhof eingeklemmt ist, abspiele. Für ihn sei der Teerhof ein Beispiel für verfehlte Stadtplanung. Dem Quartier fehle einfach die richtige Mischung.
Die Bauvorhaben an der Werderstraße werden in den nächsten Jahren etwa 1000 neue Einwohner in die Neustadt locken. Der Großteil davon wird Wohnungen auf dem ehemaligen Wasserwerkgelände beziehen. "Seit 1983 wird die Umgedrehte Kommode nicht mehr zur Wasseraufbereitung genutzt", erklärt Schnier. Seitdem wurde über eine alternative Nutzung des Gebäudes und des Geländes nachgedacht.
Das Problem bei dem ehemaligen Wasserkraftwerk sei, dass es unter Denkmalschutz stehe, lässt Schnier die Spaziergänger wissen. Deswegen seien viele Vorschläge für eine Nutzung der Kommode bislang nicht umgesetzt worden. Ein Restaurant im oberen Teil des Gebäudes sei nicht möglich, weil man es nicht beliefern könnte. "Es gibt nur schmale Aufgänge." Die Möglichkeit, außen einen Fahrstuhl zu bauen, scheitere am Denkmalschutz.
"2004 wurde dann der Bauplan 2222 aufgestellt", berichtet Daniel Schnier. Dieser habe eigentlich auch eine Nutzung der Kommode vorgesehen. Weil die aber nach wie vor nicht in Sicht sei, sei im Bauplan auch nur von der Bebauung des Grundstücks die Rede. "Die Baufläche beträgt etwa 100000 Quadratmeter - das sind rund 20 Fußballfelder", erklärt Schnier den Zuhörern. Zwei Flächen seien für Wohnungsbau vorgesehen, weitere für Erschließung und Grünflächen. "Wobei eine Grünfläche ja alles sein kann - ein Park oder ein paar Bäume." Da könne man wirklich gespannt sein, was denn tatsächlich angelegt werde.
Mit Grünflächen in Nachbarschaft zur Umgedrehten Kommode befasst sich am kommenden Donnerstag auch der Beirat Neustadt: Bei einer Sitzung ab 19.30 Uhr in der Aula der Wilhelm-Kaisen-Schule an der Valckenburghstraße geht es unter anderem um die Grünplanung im Zuge der Stadtwerder-Bebauung, gegen die die Bürgerinitiative "Kleiner Stadtwerderwald" Sturm läuft. Am vergangenen Sonnabend fand ein Aktionstag gegen die angedachte Fällung von Bäumen für sogenannte "Sichtachsen" statt, für diese Woche sind weitere Aktionen der Initiative angekündigt. Siehe auch Bericht Seite 4.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 16.11.2009 Text von Christian Meyer freier Mitarbeiter der Bremer Tageszeitungen AG, Foto: Roland Scheitz

Sonntag, 18. Oktober 2009

WESER KURIER, 15.10.2009

Per pedes durch die Geschichte
"Urbaner Spaziergang" erkundet Epochen des Baustiles im Weidedammgebiet

Von Anke Velten Weidedamm. Am Torfhafen trafen sich am vergangenen Sonntag mehr als 30 Menschen, die auch die schlechten Wetterprognosen und der einsetzende Regen durchaus nicht von ihrem Vorhaben abbringen konnten. Ihr Weg war das Ziel, er führte quer durch das Weidedammgebiet, und in eine Zeitreise durch ein Jahrhundert Baugeschichte.
Zwei junge Bremer Architekten, Daniel Schnier und Oliver Hasemann, bieten seit drei Jahren regelmäßig ihre "urbanen Stadtspaziergänge" an, bei denen man im Schritttempo und aus eigener Anschauung erfahren kann, wie die Stadt sich entwickelte und ihre Menschen früher und heute lebten. Die Tour durch den Weidedamm eignete sich dabei vorzüglich, um die Epochen der Wohnbebauung Schicht für Schicht deutlich zu machen, "wie Jahresringe eines Baums", erzählt Raumplaner Daniel Hasemann: Denn im Weidedammgebiet finde man sich nahezu in jedem Straßenzug in einem neuen Jahrzehnt wieder. Außerdem erlebe man hier, wie die Stadt sich nach und nach die Natur an ihrer Peripherie erobert habe. Und schließlich bewegte die Veranstalter die Frage, ob diese Entwicklung immer so weiter gehen kann. "In Deutschland werden pro Minute die Fläche von zwei Fußballfeldern verbaut", erklärt der Raumplaner.
Weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Stadt gekommen waren, gab es zum Geleit etwas Nachhilfe in Findorffer Geschichte. Zum Beispiel, dass der Torfhafen der Ursprung des Stadtteils war, der keine dörfliche Vorgeschichte hatte und sich um diese Keimzelle herum entwickelte. Dass die Kanäle aus dem Moorgebiet gleichzeitig der Entwässerung dienten als auch der Versorgung der Stadt mit dem wichtigen Energielieferanten Torf. Und dass der Name des Stadtteils darum kein historischer Ortsname ist, sondern auf den verdienstvollen Moorkommissar Jürgen Christian Findorff zurückgeht. Entlang des Torfhafens, an der Neukirchstraße, finden sich die ältesten Bauten Findorffs aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Hier, erklärte Daniel Hasemann, spielte sich einst echtes Hafenleben ab, "mit vielen Spelunken, keine feine Gegend". Chronologischer Endpunkt war das Weidedamm-III-Gebiet mit seiner zeitgenössischen Wohnbebauung.
Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Stadtteilbeirat Findorff, dem Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa sowie dem Verein "ÖkoStadt Bremen". Dass die urbanen Spaziergänge von Oliver Hasemann und Daniel Schnier inzwischen eine treue Fangemeinde haben, liege aber nicht nur am Thema selbst, erzählen Ellen Gutschmidt und Sophie Kunz. Die beiden jungen Frauen haben bislang keinen einzigen Spaziergang verpasst. "Man bekommt einen ganz anderen Blick für die Stadt als bei klassischen Führungen", erzählt Ellen Gutschmidt. "Und die Beiden machen das so niedlich und charmant, da möchte man einfach immer wieder mitkommen." Der nächste Spaziergang am Sonntag, 8. November, führt unter dem Motto "WasserWerkWeg! - Wohnen im Reservoir" zum Stadtwerder. Treffpunkt ist um 14 Uhr am ehemaligen Katasteramt, Wilhelm-Kaisen-Brücke. Weitere Informationen unter www.aaa-bremen.blogspot.com.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 15.10.2009, Text von Anke Velten, freie Mitarbeiterin der Bremer Tageszeitungen AG, Foto: Roland Scheitz