
Parkanlage, Porsche-Testbahn
oder Einkaufszentrum? Ein
planerisches Brainstorming zur
möglichen Zukunft des meistfrequentierten
Platzes in Bremen
I n t e r v i ew : H e n n i n g B l e y l
F o t o : F r e d e r i c k H ü t t ema n n
Einleitung: Das so genannte „Investorengrundstück“
auf dem Bahnhofsplatz,
das mit 6.000 Quadratmetern
das gesamte Skatergelände
und noch einiges mehr umfasst,
ist immer noch zu haben. Das bislang
letzte Ausschreibungsverfahren,
zum Festpreis von 5,9 Millionen
Euro, endete im November 2010 trotz
mehrfacher Verlängerung ergebnislos.
Nun soll das Gelände freihändig,
also ohne weitere Ausschreibung
vergeben werden – allerdings „im
Konsens mit den BremerInnen“, wie
es der Sprecher des Bauressorts
formuliert. Ende Februar wartete die
Verwaltung noch immer auf ein angekündigtes
Angebot eines Bieters,
über dessen Identität und Pläne sie
aber nichts verraten wollte.
ZdS Seit 1994 versucht der Senat, einen Teil
des Bahnhofsvorplatz’ als „Investorengrundstück“
zu verkaufen. Spricht irgend etwas dafür,
dass die aktuellen Akteure, zu denen möglicherweise
die Bremer Landesbank gehört, die
Kuh vom Eis beziehungsweise ein Gebäude auf
den Platz bekommen?
Oliver Haseman Der Bahnhofsvorplatz ist
in der öffentlichen Wahrnehmung Bremens prominentester
Ladenhüter. Er liegt in einer wenig
nachgefragten Lage: Bahnhofsvorstädte sind auch
in Städten wie Oldenburg oder Frankfurt am
Main ein Problem.
ZdS Warum?
Daniel Schnier Im 19. Jahrhundert wurden
die Bahnhöfe vor den Toren der Stadt gebaut.
Dann sind die Städte weiter gewachsen und eine
Art Transitraum mit viel Fluktuation entstand.
Fluktuation nicht nur im Sinn der durchlaufenden
Pendler, sondern auch in Gestalt instabiler
Immobiliennutzungen. Außerdem ist der Bestand
nicht mehr zeitgemäß und renovierungsbedürftig,
so dass Nutzer in andere Lagen abwandern.
In der Bremer Bahnhofsvorstadt haben wir eine
Erhebung gemacht, bei der wir Leerstände zwischen
einem Monat und mehreren Jahren festgestellt
haben.
ZdS Wäre es dann sinnvoll, beispielsweise ein
weiteres siebenstöckiges Gebäude samt Hotel
mittenrein zu setzen?
Schnier Das ist fraglich. Das World Trade
Center eine Ecke weiter ist zu höchstens 20
Prozent vermietet. Jetzt soll dort ein weiteres
Hotel entstehen.
Hasemann Dann gibt es noch das Postamt 5.
ZdS Oder das Bundeswehrhochhaus, in der
Daniel-von-Büren-Straße, auch nicht weit.
Schnier Die Stadt will aber Geld durch einen
Verkauf des Grundstücks einnehmen. Immerhin
befinden wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz im
Jahr sieben der Zwischennutzung.
Haseman Trotzdem lohnt es sich meist
zu warten, bis etwas wirklich Gutes kommt.
Nach langjährigem Leerstand scheint manchmal
ein Punkt erreicht, wo nach vielen nicht
umgesetzten Ideen endlich etwas geschehen
soll. Das war auch auf dem Teerhof so, als dessen
vorderes Drittel noch Parkplatz war. Der
Druck wuchs durch die Offensichtlichkeit der
prominenten Baulücke.
ZdS Mit einem eher mäßigen Ergebnis. Und der
Bahnhofsvorplatz ist im Gegensatz zum Teerhof
keine kriegsbedingte Baulücke, sondern war immer
schon ein Platz. Warum kann er das nicht
einfach bleiben? Eine Stadt braucht doch Raum
zum Atmen!
Haseman Eine Bebauung schließt ja nicht aus,
dass der Platz zum Teil erhalten bleibt. Wenn
man da etwas Gutes hinsetzt, kann das durchaus
eine Verbesserung darstellen. Die bauliche
Dimension dürfte angesichts der Gesamtsituation
nicht zu klein sein. Es muss kein Glaskasten
sein, aber auch keine bremische Lösung.
ZdS Was hieße „bremisch“?
Schnier Backstein. Im Endeffekt muss es hier
immer Backstein sein. So ist es ja auch mit dem
Beluga-Gebäude auf dem Teerhof gekommen –
ursprünglich sollte das außen mit rostigen Eisen
gekachelt werden. Im Stil eines Schiffes.
ZdS Und dann?
Schnier Dann musste „nachgebessert“ werden.
Mit dem bekannten Ergebnis.
ZdS Wie müsste ein Gebäude beschaffen sein,
das den Bahnhofsvorplatz aufwertet?
Schnier Es müsste eine begrünte Fassade mit
Sprühnebel haben, mindestens. Aber eigentlich
kann der Platz durch eine Bebauung nur verlieren.
ZdS Könnte er nicht auch „gemütlicher“ werden?
Haseman Der Platz könnte durchaus gefasst
werden und eine Struktur bekommen – wobei
die Hochstraße diese Raumkantenfunktion im
Prinzip schon erfüllt. Wenn gebaut würde, dürfte
man sich in der Dimension nicht am Tivoli-
Hochhaus orientieren, sondern an der jenseits
der Hochstraße bereits vorhandenen Bebauung.
Ein für Passanten durchlässiges Erdgeschoss wäre
nicht schlecht. Vielleicht gäbe es auch ein paar
Stufen oder Treppen vor dem Gebäude, auf denen
man sich niederlassen kann. Da wäre ich auf
die Entwürfe gespannt.
ZdS Immerhin waren schon mal hochambitionierte
Bauten wie das „Musicon“ im Gespräch.
Nun ist Bremen kein prosperierendes Heide-
Städtchen wie Lüneburg, das für seine Uni einen
Libeskind-Bau bekommen soll. Aber könnte man
nicht wenigstens fordern, dass ein neues Gebäude
nicht nur als Passage teil-öffentlich ist?
Hasemann Was hieße das?
ZdS Dass es zum Beispiel eine allgemein zugängliche
Terrasse gibt, die nicht gastronomisiert
ist. Wo man sich also ohne Verzehrzwang aufhalten
kann.
Schnier Das wäre nicht schlecht. Auf jeden
Fall darf es nicht so etwas werden wie am Ziegenmarkt,
wo der Chef des FC Oberneuland so
einen neuen Klotz auf den Rewe-Markt setzen
will. So was treibt die BremerInnen vielleicht
tatsächlich mal auf die Barrikaden.
ZdS In Bezug auf den Bahnhofsvorplatz spricht
die Linkspartei angesichts der „Intransparenz
des Vergabeverfahrens“ von einem „Bremen 21“.
Finden Sie das angemessen?
Hasemann Nein. Schließlich soll unser Bahnhof
nicht abgerissen werden. Was will denn die
Linkspartei?
ZdS Zukunftswerkstätten mit den Anwohnern
und Anwohnerinnen.
Schnier Das sind dann die Hells Angels. Das
Problem ist doch, dass dieser Platz keine wirklichen
Anwohner hat.
Hasemann Ich glaube nicht, dass eine Bebauung
viele Leute aufregen würde. Im Gegenteil:
Die ganzen Spießbürger sind doch froh, wenn da
weniger Platz für die ganzen Skater, Penner und
Obdachlosen ist.
Schnier Nicht zu vergessen der Verband der
forschenden Pharmaindustrie.
ZdS Sie meinen die Drogenkonsumenten?
Haseman Nein, ich meine jetzt tatsächlich
den Industrieverband, der den Platz kürzlich für
eine Werbekampagne nutzte.
ZdS Wie würden Sie den Platz nutzen wollen?
Schnier Gärten! Ein Park! Ein Eiscafé! Und Seniorenspielgeräte.
Man soll bei all den Skatern
die Alten nicht vergessen.
ZdS Wo stoßen Zwischennutzungen an ihre
Grenzen?
Hasemann Man muss sich immer fragen: Geht
von der Zwischennutzung noch ein Impuls aus,
oder ist es nur noch ein Kaschieren des Leerstandes?
Bei lange leer stehenden Läden beispielsweise
macht es keinen Sinn, ewig etwas hineinzustellen,
wenn die ökonomische Substanz vor
Ort einfach nicht mehr da ist.
Schnier Dann muss daraus eben eine Umnutzung
werden.
Haseman Zwischennutzungen können auch
durch eine Verstetigung an ihr Ende kommen. Den
Bahnhofsvorplatz sehe ich an der Grenze zur Verstetigung:
Viele Leute können sich ihn ohne die
aktuelle Nutzung gar nicht mehr vorstellen.
ZdS Bei Jüngeren heißt er ohnehin nur noch
„Skaterplatz“.
Schnier Wenn wir Herrn Frey noch hätten
[den abgetretenen Bremer Theaterintendanten
mit offenkundigem Hang zum Luxus], könnte
man dort auch einen Parcours für seine Porsche
Cayenne einrichten.
ZdS Apropos Autos: Ein beliebtes Argument für
eine Bebauung des Bahnhofsvorplatzes lautet,
man könne damit die Hochstraße verdecken.
Überzeugt Sie das?
Schnier Nein. Ursprünglich war der Breitenweg
ohnehin eine Allee. Das könnte man jetzt
eine Etage höher so ähnlich wieder einrichten,
als „Green Mile“ wie etwa in New York.
ZdS Aber wenn man nicht mehr den Fly-over
hinauf brettern kann, um in Richtung Oldenburg
oder wenigstens Walle abzuheben, verliert Bremen
doch seine einzige urbane Ecke.
Schnier Vielleicht. Aber da könnte man auch
mit einem Inlet-Center auf dem Bahnhofsvorplatz
gegen halten.
ZdS Was ist das?
Schnier Ein Outletcenter in der Innenstadt.
ZdS Statt auf der grünen Wiese bei Stuhr sollen
da Markenprodukte als „Fabrikware“ verhökert
werden?
Haseman Das wäre doch nicht schlecht.
Allerdings hört sich „Inlet-Center“ nach Zahnarzt
an.
Schnier Ein Ärztehaus auf dem Bahnhofsvorplatz
ist ja auch eine prima Idee.
ZdS Warum nicht gleich ein Autohaus?
Schnier Ja, Autolofts! Das ist die definitive
Lösung für den Bahnhofsvorplatz.
Zur Person
Daniel Schnier (im Bild links) und Oliver
Hasemann (im Bild rechts) sind die geschäftsführenden
Gesellschafter des 2006 von ihnen gegründeten
„Autonomen Architektur Ateliers“.
Seit anderthalb Jahren betreiben sie mit Sarah
Oßwald und Michael Ziehl auch die „Zwischen-
ZeitZentrale“ (ZZZ). Ende März eröffnen sie in
der Contrescarpe 73 die „ZZZeitmaschine“: ein
offenes Büro, in dem Beispiele für funktionierende
Zwischennutzungen präsentiert, aber auch
Zwischennutzungen in der Bahnhofsvorstadt
selbst vermittelt werden sollen.
Hasemann studierte Raumplanung an der Uni
Dortmund und kommt aus Felde bei Thedinghausen
– dessen im Stil der Weserrenaissance
erbauten „Erbhof“ er für „krampfhaft belebt“
hält. Schnier ist Architekt und wuchs als „Diskokind“
in Bohmte auf. Die Ortschaft wurde allerdings
weniger wegen der familieneigenen Diskothek
„Clacoer“ bekannt, sondern wegen des
ampel- und schilderlosen „Shared Space“-Verkehrskonzepts,
das hier erstmals in Deutschland
eingeführt wurde.