Montag, 28. Dezember 2009

Mehr Freiraum - Hörstück von Ruth Rach (Deutschlandfunk, 5:00min.)

Ein Bericht, der heute auf Deutschlandfunk zu hören war:
Mehr Freiraum für Künstler Link zum Bericht vom 28.12.2009 9:12Uhr, (5:00min.)

Hausbesetzer in London
von Ruth Rach (Europa heute)

In London herrscht Wohnungsnot, bezahlbarer Wohnraum ist nur schwer zu finden. Gleichzeitig stehen ganze Hochhäuser leer. Gegen diesen Leerstand geht jetzt eine Künstlergruppe vor - mit Erfolg. Die Curzon Street in Mayfair, London. Exklusive Hotels, Luxuslimousinen, diskret bewachte Botschaften. Ein Immobilienbüro, im Schaufenster Objekte ab elf Millionen Pfund. An der Ecke Curzon/ Bolton Street steht ein wuchtiger Bürobau, neun Stockwerke hoch. Die Fenster sind dunkel. Es ist Abend, und bitterkalt.

Dann flammen im Parterre grelle Scheinwerfer auf. Man sieht nackte Fensterscheiben. Leere Räume, an den Wänden Drucke, Grafiken, expressionistische Bilder. Junge Leute, die sich an einem Öfchen wärmen.

Die Gruppe Oubliette lädt zur Vernissage. Vor ein paar Tagen hat sie das ganze Haus besetzt. Es hat einen Marktwert von rund 100 Millionen Pfund. Und steht seit zwölf Jahren leer. Die Künstler sind obdachlos. Jetzt wohnen sie in den oberen Stockwerken. Zumindest vorübergehend.

Wir machen leere Räume für Künstler nutzbar, die am Anfang stehen und kaum Chancen haben, ihre Werke der breiteren Öffentlichkeit zu zeigen, sagt Daniel Simon, 31, Projektleiter von Oubliette. Der Name geht auf das französische Wort "oublier" zurück: ein vergessener Ort. Im Sommer besetzte die Kunstkollektive die frühere mexikanische Botschaft und die ehemalige Hochkommission von Tansania. Ebenfalls in Mayfair. Ergebnis: riesige Schlagzeilen. Gratis Publicity.

Inzwischen treffen die ersten Besucher ein. Schickeria, Künstlerszene, Obdachlose. Ein eklektischer Mix. Una, eine elegante Frau, findet das Event fantastisch. In der Stadtmitte von London gibt es unzählige leer stehende Gebäude, viele im Besitz von Spekulanten, die gar nie vorhaben, die Bauten zu nutzen. Schlichtweg obszön, angesichts der akuten Wohnungsnot.

Hausbesetzen - "squatting" - sei in Großbritannien durchaus legal, solange man sich nicht mit Gewalt Zutritt verschaffe. Allerdings müsse das Gebäude leer und unbenutzt sein, erklärt Daniel Simon. Ein Schloss kaputt zu schlagen wäre Sachbeschädigung und somit strafbar. Aber ein halb offenes Fenster - ideal! Die Regelung ist nur in England und Wales gültig, nicht aber in Schottland. Die Besetzer berufen sich auf ein Grundrecht aus dem 14. Jahrhundert, als sich besitzlose Bauern gegen ihre Feudalherren auflehnten.
Ist das Haus besetzt, entsteht ein zivilrechtlicher Disput zwischen dem Squatter und dem Besitzer. Wobei der Besitzer erst einmal beweisen muss, dass ihm das Gebäude tatsächlich gehört. Das dauert Monate.

Einer der Künstler ist Philip Firsov, 24, in Moskau geboren, in Großbritannien aufgewachsen. Philip ist Absolvent der angesehenen Slade School of Fine Art. Auch er ist Squatter, Hausbesetzer. "Ich gehöre zu einer ganzen Generation verlorener Leute, die durch das Bildungssystem geschleust wurden, und jetzt auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Aber ich will nicht von der Stütze leben."

Unterdessen kommen immer mehr Gestalten durch die Tür, verfroren, dick vermummt, mit Schlafsäcken und Plastiktüten beladen. Sie verschwinden im stockfinsteren Treppenhaus.
Brian, ein schlaksiger Jugendlicher, lebte drei Monate lang in einer leeren Villa in Hampstead, Nordlondon. Dann wurde die "Wohngelegenheit" von Punks entdeckt. Sie setzten ihn vor die Tür. Er zog ins weniger feine Camberwell in Südlondon. Doch vor zwei Tagen kam der Besitzer mit einem türkischen Schlägertrupp, und der schlug ihn - buchstäblich - in die Flucht. Dennoch schätzt sich Brian glücklich, dass es in Großbritannien Squatterrechte gibt - denn sonst müsste er auf der Straße leben.
Der Abend ist der Organisation "Connections" von St Martins in the Field gewidmet, eine Obdachlosenstiftung gleich neben dem Trafalgar Square.
Wir bekommen jeden Tag mindestens 200 Besucher, erzählt Wyn Newman von Connections, ebenfalls unter den Gästen. Die Stiftung organisiert nicht nur praktische Hilfeleistungen und Trainingskurse, sondern auch Kunst- und Theaterworkshops. Wie viele Obdachlose es in der britischen Hauptstadt gibt, weiß niemand. Manche haben den Kontakt zur Umwelt völlig abgebrochen.

Auch der Projektleiter von Oubliette, Daniel Simon, von Beruf Grafikdesigner, weiß, wie es ist, ohne feste Adresse zu leben. Er war vor acht Jahren selbst Squatter. Nun schwebt ihm der Traum eines kommunalen Kunsthauses - eines Art House - vor, das leere Gebäude vor dem Verfall rettet und der breiteren Gesellschaft öffnet. Den bislang größten Erfolg hatte sein Kollektiv im Frühjahr. Auch da besetzte Oubliette Räumlichkeiten in bester Lage, beim Bahnhof Waterloo.

"Wir hatten auch den experimentellen Theatertrupp Donkeyworks eingeladen. Das Ensemble wurde prompt von Kritikern entdeckt und hat inzwischen den Sprung auf etablierte Bühnen geschafft. Ich finde wir haben ein wunderbares Modell entwickelt, das finanziell von niemand abhängig ist und für jede Art von Kunst und Kreativität total offen."

(c) 2009 Deutschlandradio Körperschaft des öffentlichen Rechts Postanschrift: Raderberggürtel 40, 50968 Köln Gesetzlicher Vertreter: Intendant Dr. Willi Steul Umsatzsteuer-Identifikations-Nummer: DE 123052353 dradio.de dradio.de ist das Online-Angebot von Deutschlandradio Gesamtverantwortung: Dr. Günter Müchler (Online-Beauftragter), Dietmar Timm (Geschäftsführend) Es wird im Auftrag und unter der inhaltlichen Verantwortung von Deutschlandradio produziert von der Deutschlandradio Service GmbH (Amtsgericht Köln HRB 31135) Raderberggürtel 40, 50968 Köln info@dradio-service.de Abteilungsleiter Online: Dr. Egbert Meyer

Kommentare:

Bremen hat gesagt…

Die Wohnungssuche in London kann man echt vergessen, zumindest was irgendwie bezahlbar wäre. Aber bei allen Angeboten die ich bisher bekommen habe sind mir die Augen schnell zugefallen.

Jannis hat gesagt…

Der Supergau ist, dass in London die Wohnungen wöchentlich abgerechent werden. Dadurch kommt eine höhere Miete zustande als wenn monatlich abgerechnet würde.