Montag, 4. April 2011

Lasst ihn endlich frei


Parkanlage, Porsche-Testbahn

oder Einkaufszentrum? Ein

planerisches Brainstorming zur

möglichen Zukunft des meistfrequentierten

Platzes in Bremen

I n t e r v i ew : H e n n i n g B l e y l

F o t o : F r e d e r i c k H ü t t ema n n

Einleitung: Das so genannte „Investorengrundstück“

auf dem Bahnhofsplatz,

das mit 6.000 Quadratmetern

das gesamte Skatergelände

und noch einiges mehr umfasst,

ist immer noch zu haben. Das bislang

letzte Ausschreibungsverfahren,

zum Festpreis von 5,9 Millionen

Euro, endete im November 2010 trotz

mehrfacher Verlängerung ergebnislos.

Nun soll das Gelände freihändig,

also ohne weitere Ausschreibung

vergeben werden – allerdings „im

Konsens mit den BremerInnen“, wie

es der Sprecher des Bauressorts

formuliert. Ende Februar wartete die

Verwaltung noch immer auf ein angekündigtes

Angebot eines Bieters,

über dessen Identität und Pläne sie

aber nichts verraten wollte.

ZdS Seit 1994 versucht der Senat, einen Teil

des Bahnhofsvorplatz’ als „Investorengrundstück“

zu verkaufen. Spricht irgend etwas dafür,

dass die aktuellen Akteure, zu denen möglicherweise

die Bremer Landesbank gehört, die

Kuh vom Eis beziehungsweise ein Gebäude auf

den Platz bekommen?

Oliver Haseman Der Bahnhofsvorplatz ist

in der öffentlichen Wahrnehmung Bremens prominentester

Ladenhüter. Er liegt in einer wenig

nachgefragten Lage: Bahnhofsvorstädte sind auch

in Städten wie Oldenburg oder Frankfurt am

Main ein Problem.

ZdS Warum?

Daniel Schnier Im 19. Jahrhundert wurden

die Bahnhöfe vor den Toren der Stadt gebaut.

Dann sind die Städte weiter gewachsen und eine

Art Transitraum mit viel Fluktuation entstand.

Fluktuation nicht nur im Sinn der durchlaufenden

Pendler, sondern auch in Gestalt instabiler

Immobiliennutzungen. Außerdem ist der Bestand

nicht mehr zeitgemäß und renovierungsbedürftig,

so dass Nutzer in andere Lagen abwandern.

In der Bremer Bahnhofsvorstadt haben wir eine

Erhebung gemacht, bei der wir Leerstände zwischen

einem Monat und mehreren Jahren festgestellt

haben.

ZdS Wäre es dann sinnvoll, beispielsweise ein

weiteres siebenstöckiges Gebäude samt Hotel

mittenrein zu setzen?

Schnier Das ist fraglich. Das World Trade

Center eine Ecke weiter ist zu höchstens 20

Prozent vermietet. Jetzt soll dort ein weiteres

Hotel entstehen.

Hasemann Dann gibt es noch das Postamt 5.

ZdS Oder das Bundeswehrhochhaus, in der

Daniel-von-Büren-Straße, auch nicht weit.

Schnier Die Stadt will aber Geld durch einen

Verkauf des Grundstücks einnehmen. Immerhin

befinden wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz im

Jahr sieben der Zwischennutzung.

Haseman Trotzdem lohnt es sich meist

zu warten, bis etwas wirklich Gutes kommt.

Nach langjährigem Leerstand scheint manchmal

ein Punkt erreicht, wo nach vielen nicht

umgesetzten Ideen endlich etwas geschehen

soll. Das war auch auf dem Teerhof so, als dessen

vorderes Drittel noch Parkplatz war. Der

Druck wuchs durch die Offensichtlichkeit der

prominenten Baulücke.

ZdS Mit einem eher mäßigen Ergebnis. Und der

Bahnhofsvorplatz ist im Gegensatz zum Teerhof

keine kriegsbedingte Baulücke, sondern war immer

schon ein Platz. Warum kann er das nicht

einfach bleiben? Eine Stadt braucht doch Raum

zum Atmen!

Haseman Eine Bebauung schließt ja nicht aus,

dass der Platz zum Teil erhalten bleibt. Wenn

man da etwas Gutes hinsetzt, kann das durchaus

eine Verbesserung darstellen. Die bauliche

Dimension dürfte angesichts der Gesamtsituation

nicht zu klein sein. Es muss kein Glaskasten

sein, aber auch keine bremische Lösung.

ZdS Was hieße „bremisch“?

Schnier Backstein. Im Endeffekt muss es hier

immer Backstein sein. So ist es ja auch mit dem

Beluga-Gebäude auf dem Teerhof gekommen –

ursprünglich sollte das außen mit rostigen Eisen

gekachelt werden. Im Stil eines Schiffes.

ZdS Und dann?

Schnier Dann musste „nachgebessert“ werden.

Mit dem bekannten Ergebnis.

ZdS Wie müsste ein Gebäude beschaffen sein,

das den Bahnhofsvorplatz aufwertet?

Schnier Es müsste eine begrünte Fassade mit

Sprühnebel haben, mindestens. Aber eigentlich

kann der Platz durch eine Bebauung nur verlieren.

ZdS Könnte er nicht auch „gemütlicher“ werden?

Haseman Der Platz könnte durchaus gefasst

werden und eine Struktur bekommen – wobei

die Hochstraße diese Raumkantenfunktion im

Prinzip schon erfüllt. Wenn gebaut würde, dürfte

man sich in der Dimension nicht am Tivoli-

Hochhaus orientieren, sondern an der jenseits

der Hochstraße bereits vorhandenen Bebauung.

Ein für Passanten durchlässiges Erdgeschoss wäre

nicht schlecht. Vielleicht gäbe es auch ein paar

Stufen oder Treppen vor dem Gebäude, auf denen

man sich niederlassen kann. Da wäre ich auf

die Entwürfe gespannt.

ZdS Immerhin waren schon mal hochambitionierte

Bauten wie das „Musicon“ im Gespräch.

Nun ist Bremen kein prosperierendes Heide-

Städtchen wie Lüneburg, das für seine Uni einen

Libeskind-Bau bekommen soll. Aber könnte man

nicht wenigstens fordern, dass ein neues Gebäude

nicht nur als Passage teil-öffentlich ist?

Hasemann Was hieße das?

ZdS Dass es zum Beispiel eine allgemein zugängliche

Terrasse gibt, die nicht gastronomisiert

ist. Wo man sich also ohne Verzehrzwang aufhalten

kann.

Schnier Das wäre nicht schlecht. Auf jeden

Fall darf es nicht so etwas werden wie am Ziegenmarkt,

wo der Chef des FC Oberneuland so

einen neuen Klotz auf den Rewe-Markt setzen

will. So was treibt die BremerInnen vielleicht

tatsächlich mal auf die Barrikaden.

ZdS In Bezug auf den Bahnhofsvorplatz spricht

die Linkspartei angesichts der „Intransparenz

des Vergabeverfahrens“ von einem „Bremen 21“.

Finden Sie das angemessen?

Hasemann Nein. Schließlich soll unser Bahnhof

nicht abgerissen werden. Was will denn die

Linkspartei?

ZdS Zukunftswerkstätten mit den Anwohnern

und Anwohnerinnen.

Schnier Das sind dann die Hells Angels. Das

Problem ist doch, dass dieser Platz keine wirklichen

Anwohner hat.

Hasemann Ich glaube nicht, dass eine Bebauung

viele Leute aufregen würde. Im Gegenteil:

Die ganzen Spießbürger sind doch froh, wenn da

weniger Platz für die ganzen Skater, Penner und

Obdachlosen ist.

Schnier Nicht zu vergessen der Verband der

forschenden Pharmaindustrie.

ZdS Sie meinen die Drogenkonsumenten?

Haseman Nein, ich meine jetzt tatsächlich

den Industrieverband, der den Platz kürzlich für

eine Werbekampagne nutzte.

ZdS Wie würden Sie den Platz nutzen wollen?

Schnier Gärten! Ein Park! Ein Eiscafé! Und Seniorenspielgeräte.

Man soll bei all den Skatern

die Alten nicht vergessen.

ZdS Wo stoßen Zwischennutzungen an ihre

Grenzen?

Hasemann Man muss sich immer fragen: Geht

von der Zwischennutzung noch ein Impuls aus,

oder ist es nur noch ein Kaschieren des Leerstandes?

Bei lange leer stehenden Läden beispielsweise

macht es keinen Sinn, ewig etwas hineinzustellen,

wenn die ökonomische Substanz vor

Ort einfach nicht mehr da ist.

Schnier Dann muss daraus eben eine Umnutzung

werden.

Haseman Zwischennutzungen können auch

durch eine Verstetigung an ihr Ende kommen. Den

Bahnhofsvorplatz sehe ich an der Grenze zur Verstetigung:

Viele Leute können sich ihn ohne die

aktuelle Nutzung gar nicht mehr vorstellen.

ZdS Bei Jüngeren heißt er ohnehin nur noch

„Skaterplatz“.

Schnier Wenn wir Herrn Frey noch hätten

[den abgetretenen Bremer Theaterintendanten

mit offenkundigem Hang zum Luxus], könnte

man dort auch einen Parcours für seine Porsche

Cayenne einrichten.

ZdS Apropos Autos: Ein beliebtes Argument für

eine Bebauung des Bahnhofsvorplatzes lautet,

man könne damit die Hochstraße verdecken.

Überzeugt Sie das?

Schnier Nein. Ursprünglich war der Breitenweg

ohnehin eine Allee. Das könnte man jetzt

eine Etage höher so ähnlich wieder einrichten,

als „Green Mile“ wie etwa in New York.

ZdS Aber wenn man nicht mehr den Fly-over

hinauf brettern kann, um in Richtung Oldenburg

oder wenigstens Walle abzuheben, verliert Bremen

doch seine einzige urbane Ecke.

Schnier Vielleicht. Aber da könnte man auch

mit einem Inlet-Center auf dem Bahnhofsvorplatz

gegen halten.

ZdS Was ist das?

Schnier Ein Outletcenter in der Innenstadt.

ZdS Statt auf der grünen Wiese bei Stuhr sollen

da Markenprodukte als „Fabrikware“ verhökert

werden?

Haseman Das wäre doch nicht schlecht.

Allerdings hört sich „Inlet-Center“ nach Zahnarzt

an.

Schnier Ein Ärztehaus auf dem Bahnhofsvorplatz

ist ja auch eine prima Idee.

ZdS Warum nicht gleich ein Autohaus?

Schnier Ja, Autolofts! Das ist die definitive

Lösung für den Bahnhofsvorplatz.


Zur Person

Daniel Schnier (im Bild links) und Oliver

Hasemann (im Bild rechts) sind die geschäftsführenden

Gesellschafter des 2006 von ihnen gegründeten

„Autonomen Architektur Ateliers“.

Seit anderthalb Jahren betreiben sie mit Sarah

Oßwald und Michael Ziehl auch die „Zwischen-

ZeitZentrale“ (ZZZ). Ende März eröffnen sie in

der Contrescarpe 73 die „ZZZeitmaschine“: ein

offenes Büro, in dem Beispiele für funktionierende

Zwischennutzungen präsentiert, aber auch

Zwischennutzungen in der Bahnhofsvorstadt

selbst vermittelt werden sollen.

Hasemann studierte Raumplanung an der Uni

Dortmund und kommt aus Felde bei Thedinghausen

– dessen im Stil der Weserrenaissance

erbauten „Erbhof“ er für „krampfhaft belebt“

hält. Schnier ist Architekt und wuchs als „Diskokind“

in Bohmte auf. Die Ortschaft wurde allerdings

weniger wegen der familieneigenen Diskothek

„Clacoer“ bekannt, sondern wegen des

ampel- und schilderlosen „Shared Space“-Verkehrskonzepts,

das hier erstmals in Deutschland

eingeführt wurde.